Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1877)
- Date
- 1877-09-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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897 So sprechend, nahm Frankl seinen Platz als Vorsitzender an dem Tische ein und trocknete sich den Schweiß von der Stirne. „Doch erlauben Sie, daß ich, bevor ich beginne, noch einen Befehl ertheile," und er läutete mit einer Glocke, die vor ihm auf dem Tische stand. Zehnthomer, der GassenmeschoreS *), eine kurze, gedrungene, kräftige Gestalt trat ein. ..Geht gleich zu David Leb Magdeburger, dem Kundschaftgeher, er soll augenblicklich yeraufkommen. Ihr wißt doch, wo er wohnt?" „Dreibrunnenptatz Nummer Eilf, dritten Stock, hintenhinaus." „Was wollen Sie von dem?" frug Seckeles. „Der hat auch etwas bei der Geschichte zu thun," entgegnete der Primator; „also hören Sie, wie's mir drüben im Landesgubernium erging." „Seine Excellenz empfing mich sehr gnädig, und ich sah gleich, daß er etwas ganz besonderes am Herzen haben müsse, denn er wollte lange nicht mit der Sprache heraus, frug mich über mein Befinden , über die Verhältnisse unserer Gemeinde kurz, über Sachen, um die er sich sonst nicht zu kümmern pflegt. Plötzlich meint er: Ihre Gemeinde hat einen großen Verlust erlitten. Sie haben den ersten Obersuristen^) Kassewitz, durch den Tod verloren, Sie werden doch wohl endlich zur Besetzung dieser Stellung schreiten müssen?" „Excellenz!" erwiedere ich darauf, „derVerlust ist ein schmerzlicher und tiefgefühlter, aber wir haben einen Oberrabbiner und ein Oberjuristenkollegium, so daß alle in die Agenda des Rabbinates fallende Geschäfte, nach wie vor, pünktlich besorgt werden. In keinem Falle kann sich die Prager Judengcmeinde, die zu den ersten der Judenheit gehört, bei der Wahl übereilen. Das Amt kann nur einen Mann von hervorragender Bedeutung auf dem Gebiete der talmudisch-jüdischen Wissenschaft verliehen werden. Indem ich das sage, kommt mir's vor, als wenn der Oberstburggraf ärgerlich erröthen möchte. Er nagt — wie er — Ihr wißt es ja — bei aufsteigendem Aerger, wenn ich opponire, zu thun pflegt, hastig an der Unterlippe, und sagt dann: „Sie haben ja ein ganzes Collegium; da könnte man vielleicht bei einem Einzelnen von allzu rigorosen Anforderungen abgehen; — und, vielleicht einen Mann wählen, der bei der Regierung beliebt, bei mir eine persona grata ist; von dessen loyaler Gesinnung ich mich überzeugt habe; — . . . . was?" „Excellenz," antwortete ich wieder. „DieGe- 1) Gemeindepolizeidiener. 2) Mitglied des Rabbinerkollegiums. meinde wählt; und die Wahl wird der hohen Regierung zur Bestätigung vorgelegt. Es liegt daher immer in der Hand des Landes- Guberniums, respec* tive in hochdero Hand als Chef der höchsten Landesbehörde, die Genehmigung der Wahl zu verweigern." „Den Herrn Primaior Frankl," antwortet mir der Oberstburggraf ziemlich gereizt, „scheinen die Entscheidungen des böhmischen Landes-Guberniums nicht immer viel zu geniren. Voriges Jahr wenigstens haben Sie gegen eine solche mit vielem Glück recurrirt. Ich habe damals sogar eine Rüge von Wien bekommen . . . ., die dank ich nur Ihnen, Herr Primator." „Ich habe die Gewohnheit" fuhr Frankl in seinen interessanten Mittheilungen fort „um so ruhiger zu werden, als mein Gegner sich aufzurcgen scheint, und ich erwidere daher ganz gelassen; Euer Excellenz, ich habe die Pflicht, meine Glaubensgenossen, welche die Leitung ihrer Angelegenheiten vertrauuugsvoll in meine Hände gelegt haben, bestens zu vertreten, und habe überdies das Vorsteherkoüegium an meiner Seite, dessen Beschlüsse für mich bindend sind, die ich pünktlich auszuführen habe. In der von Euer Excellenz berührten Angelegenheit schien es dem Gemeindevorsteherkollegium, als wenn das hohe bömische Landesgubernium in seiner Entschließung, bezüglich der Solidarität dcr Juvengemeinden für jeden Einzelnen, etwas ausgesprochen, das weder mit den Principien des Rechtes im Allgemeinen, noch mit den in Oesterreich und Böhmen bestehenden gesetzlichen Bestimmungen im Einklänge steht. Ich habe eine diesbezügliche Eingabe, respective den Recurs gegen die hohe Guberuialentscheidung an die böhmische Hofkanzlei überreicht und mich auch gleichzeitig bei Seiner Durchlaucht dem Herrn Staatsminister Fürsten Kaunitz verwendet." „Sie nahmen auch Audienz bei seiner Majestät dem Kaiser", unterbrach mich wieder der Oberstburggraf. „Seine Durchlaucht, der Fürst Kaunitz. hat mir dazu gerathen, entgegnete ich wieder; — aber Excellenz, bei hochdero Gerechtigkeitsliede werden Sie weder der Prager Judengemeinde noch deren Vorsteherkollegium, noch mir,'als Chef desselben, grollen, weil ich nichts anderes gethan, als was meine Pflicht gebot. Uebrigens erflossen während meiner Anwesenheit in Wien noch weitere zwei allerhöchste Entscheidungen, welche die Entschließungen des böhmischen Landesguberniums aufhoben. Eine, bezüglich der Eingabe der böhmischen Herren Landstände, und eine zweite betreffs des Reeurses des hochwürdigsten Wischehrader Domkapitels, und — ich bitte recht sehr um