Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1877)
- Date
- 1877-09-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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XVIII. Jahrgang. Erste Anlage)» Ar. 37 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. AuS Thüringen. Wenn man von dem, an der Werrabahn gelegenen Badeorte Salzungen aus seine Schritte südwestlich nach dem Rhöngebirge zuwendet, erreicht man, die sich auf Umwegen dahinschlangelnde Landstraße vermeidend, auf schönem schattigen Waldpfade das an der Vorderrhön in romantischer, aber nicht sehr fruchtbarer Gegend gelegene Städtchen Stadtlengs feld, zum Groß- Herzog!. Weimar'schen Oberlande gehörig, welche letztere Bezeichnung bei den übrigen Bewohnern des Großherzogthums Weimar einen etwas sibirischen Beigeschmack hat. Indessen ist der Temperaturunterschied nicht so arg und es läßt sich ganz gemächlich alldort leben. Auch haben sich schon vor uralten Zeiten in Stadtlengsfeld viele Israeliten angesiedelt, welche bald zu einer sehr ansehnlichen Gemeinde anwuchsen, die sich aber in neuerer Zeit durch Wegzug wieder bis auf etwa 60 Familien vermindert hat. In früheren Zeiten wurde dort viel „gelernt", was auch in neuerer Zeit daselbst wieder sehr in Aufnahme gekommen ist. In diesem Städtchen zeigte sich im Laufe dieses Sommers ein eigenartiges Schauspiel. Es wurde alldort ein Volksfest gefeiert und von den Stadtbewohnern waren so ziemlich alle auf dem Festplatze vorhanden. Auch die Spitzen der Stadt und der dort befindlichen Behörden waren anwesend. Nur der Landrabbiner fehlte; denn es war in der 3NH rwn - Woche, in welcher derselbe sich von dergleichen Vergnügen fern zu halten für geboten erachtete. Da betrat der Bürgermeister plötzlich eine Art Tribüne und verlas unter allgemeinem Aufhorchen ein Schreiben Ihrer König!. Hoheit der Großherzogin von Weimar. Er hatte kaum geendet, als ungeheurer Jubel die Luft erfüllte, dessen erstem Ausbruche der allgemeine Ruf folgte: „Der Landrabbiner soll herbei!" Wirklich wurde eine Deputation an denselben entsandt, und er mußte dem Volkswillen nachgeben und erscheinen. Kaum erschienen und von einer freudig bewegten Schaar umringt, hieß es: „Sprechen!" Auch diesem wurde nachgegeben und der Landrabbiner hielt eine Ansprache. Nachdem dieses geschehen war, erschien eine Deputation eines Damen- Comitö's und überreichte ihm einen prachtvollen Blumenstrauß. Außerdem wurde er noch bekränzt und mit Blumen überschüttet. Was war aber den Leutchen nur angekommen, das zu solchem Gebühren sie trieb? Die Sache hat folgenden Zusammenhang: Stadtlengsfeld erfreut sich keines besonder» Wohlstandes. Der größte Theil des zur Stadt gehörigen, ohnedies nicht sehr fruchtbaren Ackerbodens ist im Besitze zweier Rittergüter, so daß die Bürger nur sehr geringen Feldbau betreiben können. Der von dortigen Israeliten entwickelte Fabrikbetrieb und der durch diesen und das Amtsgericht vermittelte Verkehr der Landbewohner bilden die Hauptnahrungsquelle der Bewohner der Stadt. Durch den Wegzug einiger isr. Fabrikanten hat diese Ernährungsquelle einigen Schaden gelitten. Durch die geplante neue Gerichtsorganisation sollte auch das Amtsgericht in Wegfall kommen, ohne daß irgend eine Ersatzbehörde an dessen Stelle treten sollte. Das erregte Besorgnisse schwerwiegender Art. Es wurden Vorstellungen und Deputationen , unter Letzter» auch einmal der Land- Rabbiner, nach Weimar gesendet; aber ohne allen Erfolg. In der Stadt besteht seit Jahren schon unter der Protection der Großherzogin ein „Verein zur Beförderung des Wohlstandes" u. s. w. Nachdem alle eingeschlagenen Wege nicht zum Ziele geführt hatten, machte der Landrabbiner, Herr Or. Krön er, der außer seiner vielseitigen geistlichen Thätigkeit sich auch in sehr hervorragender Weise in gemeinnützigen Angelegenheiten rührig zeigt, dk n Vorschlag, man solle sich in der fraglichen Angelegenheit Seitens des Vereins an die Großherzogin wenden. Der Vorschlag fand Beifall, und Herr Or. Krön er wurde mit der Abfassung des betr. Bittgesuches beauftragt. Fünf oder sechs Tage nach stattgefundener Absendung desselben schon wurde dem Bürgermeister Seitens der Großherzogin die Mittheilung gemacht, daß nach Allerhöchstem Entschlüsse das neu zu errichtende Justizamt feinen Sitz in Stadtlengsfeld haben werde. Der Bürgermeister war bereits einige Tage im Besitze des Allerhöchsten Schreibens, hatte dasselbe aber verheimlicht, um bei dem stattfindenden Feste die Bürgerschaft mit dieser enfreulichen Nachricht zu überraschen. So geschah es. Nach dem ersten Freudenausbruche war es dem Volksgefühle Bedürfniß, dem Urheber dieser glücklichen Wendung dankbare Anerkennung darzubringen. Daher diese öffentliche Auszeichnung des Herrn vr. Krön er, welcher sich des Morgens noch ein musikalisches Ständchen sämmtlicher in der Stadt bestehender Vereine au-