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Der Israelit · 1877-09-12 · Heft 37 (12.9.1877) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 37 (12.9.1877)
Date
1877-09-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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894 In begreiflicher Wißbegierde, alias Neugierde, wendete ich meinen Blick nun zu denen, die mit der Oertlichkeit doch vertrauter sein mochten als ich. Jede Dome und jeder Herr trug ein zierliches Gebetbuch in Prachteinband und als nun ein Jedes an einen Pult trat, das Gebetbuch darauf legte und es öffnete, da gewahrte ich mit wachsendem Staunen, daß auf jedem der Pulte eine dünne Kette mit silbernem Häkchen, woran die heimischen Besucher dieses Tempels ihre Gebetbücher befestigten, und nun, o Wunder über Wunder! war an jedem Pulte noch eine Kette sichtbar, an der eine Silberhand, eine sog. Jad sich befand, und diese Hand zeigte die vorgeschriebenen Gebete und blätterte selbstständig die Blätter um, es war ein ganz merkwürdiger Mechanismus. Und als ich noch genauer um mich schaute, da gewahrte ich auf fast jedem Pulte ein solches Gebetbuch in Prachteinband mit herrlichem Druck. Und alle Gebetbücher waren aufgefchlagen und in jedem fuhr eine Silberhand unaufhaltsam hin und her, und das Summen und Tönen kam aus den Büchern! Ich war starr vor Staunen, unfähig zu begreifen, was ich sah. Da bemerkte ich, daß die mit mir zugleich eingetretenen Herren und Damen, nachdem sie ihre Gebetbücher an die Kelten gelegt, im Begriffe waren, das Haus zu verlassen. Ich eilte ihnen nach, und in den höflichsten Worten ersuchte ich einen der Herren, mir alle die Seltsamkeiten zu erklären. Er schaute mich kopfschüttelnd an, blickte im Kreise um sich her und legte bedeutsam den Zeigesinger der rechten Hand auf die geschlossenen Lippen. Ich sah ein:, daß ich eine Bvtise begangen und einigermaßen verlegen folgte ich dem Winke meines Gefährten und verließ mit ihm zugleich das seltsame Haus. Sobald wir die Schwelle überschritten, wandte er sich in den verbindlichsten Worten zu mir und entsckuldigte sich, daß er im Innern des Hauses meine Frage nicht beantwortet. „Aber in jenem heiligen, nur der Andacht geweihten Raume darf kein profanes Wort ertönen, und wenn Sie mir nun gefälligst Ihre Fragen wiederholen wollen, bin ich mit Vergnügen bereit, Ihnen Auskunft zu ertheilen über Alles, was Ihnen hier vielleicht fremd erscheinen sollte." Ich dankte ihm aus vollem Herzen und ersuchte ihn, mir vor Allem zu erklären, was für eine Bewandtniß es mit den tönenden Gebetbüchern habe. „Ah," rief er lachend, „unsere Gebet Maschinen siechen Ihnen in die Augen? — Kann mir's denken. Ja, ja, Sie sind wohl z»m ersten Mal hier in ... . Aber von unserem weltberühmten Seelsorger, dem Doctor Pfaff, werden Sie wohl gehört haben?" DaS war nun freilich nicht der Fall; aber ich schämte mich, meine Unwissenheit einzugestehen und log daher erröthend mit einem zustimmenden Kopfnicken. „Kann mir's denken, daß unser Doctor Pfaff Ihnen nicht fremd," entgegnete mein freundlicher Erklärer. „Ja, ja, unser Ör. Pfaff ist ein großer Mann; so weit die deutsche Zunge reicht und noch weit darüber hinaus, ja, bis über das Weltmeer reicht sein Ruhm und seine Macht. Und mit welchem Recht, das werden Sie, mein Herr, selbst zugestehen. — Doch die Sonnenstrahlen brennen hier ganz unerträglich, wenn es Ihnen gefällig ist, suchen wir kühlenden Schatten auf. Dort, jener Fontaine gegenüber, liegt unsere gewöhnliche Laube. Diese Lauben sind für gewöhnlich freilich nur für Paare bestimmt, aber da Sie hier fremd sind und für dieses eine Mal —" Er warf einen fragenden Blick auf seine Gefährtin, sie lächelte ihre Zustimmung ihm zu, schob ihr zierliches Figürchen zwischen ihn und mich und hing sich in meinen rechten und in seinen linken Arm und zog uns lachend und schäkernd der erwähnten Laube zu. Ihr Begleiter merkte weinen Unmuth und machte sie aufmerksam darauf; lachend versicherte sie, sie wolle ganz ruhig sein, und allmählich ward sie es auch. Einige Minuten schwiegen wir sämmtlich. Trotz der Gluth der Sonnenstrahlen war es in der Laube frisch und kühl und das Säuseln des Windes , das Plätschern der Springbrunnen und das Jubiliren der Vögel vereinigte sich zu einer wunderbar lieblichen Melodie und dazwischen das mehrfach erwähnte Summen und Tönen, wechselnd mit dem ergreifenden Gesang und dem prachtvollen Orgelspiel. „Nun sagen Sie mir einmal aufrichtig, Herr Grün—" Ich war überrascht, daß der mir vollständig Unbekannte meinen Namen nannte, doch der Ueberraschungen waren heute so viele, daß ich nicht mehr daran dachte, meinem Erstaunen Ausdruck zu leihen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Derantwortliche Redaetion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).

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