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Der Israelit · 1877-09-12 · Heft 37 (12.9.1877) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 37 (12.9.1877)
Date
1877-09-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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893 Da ward's mit einem Mal Nacht vor meinen Augen; ein furchtbarer Donnerschlag, wie ich ihn in meinem ganzen Leben nicht vernommen, der da« Rasseln der Räder und Ketten noch bei weitem übertönte, folgte, und seltsam, diesem erst folgte der Blitz. Aber es war auch ein Blitz, wie ich ihn nie im Leben gesehen. Er hatte in unfern Waggon eingeschlaqen, im Nu war unser Eoupe eine Lohe und die brennenden Trümmer stogen in alle Winde. Was mit meinem Reisegefährten vorging — ich weiß es nicht, ich aber fühlte mich fortgeschleudert, weit, weit — doch im Fortgeschleudertwerden vergingen mir die Sinne. Wie lange es währte, bevor ich das Bewußtsein wieder erlangte, weiß ich nicht; doch als ich die Augen aufschlug, fand ich mich auf weichem Rasen in einem lieblich duftenden Hain. Hohe gen Himmel strebende Bäume, deren dicht belaubte Kronen sich in einander schlangen, hielten die glühenden Sonnenstrahlen ab und hoch oben in den Zweigen jnbilirte ein gefiederter Sängerchor so schön, so wunderbar schön, wie ich es nie vernommen. Und dazwischen da« Plätschern zahlreicher Fontainen — die ich zwar nicht sah, denn ich wagte mich nicht umzuschauen, wagte es überhaupt noch nicht, ein Glied zu regen, denn nach der entsetzlichen Katastrophe, deren Opfer ich geworden, mußten doch die Mehrzahl meiner Glieder zum mindesten gebrochen sein. Doch, o Wunder! ich empfand gar keinen Schmerz beim Athmen, und als ich mich dessen wiederholt versichert, wagte ich es endlich, die. rechte Hand zu bewegen. Gottlob, sie war unversehrt und dann machte ich denselben Versuch mit der linken mit demselben glücklichen Erfolg, und dann bewegte ich den einen Fuß und dann den zweiten und endlich sprang ich voll Entzücken auf. Gott sei Dank! Gott sei Dank! ich war ja unversehrt. Und voll Entzücken athmete ich die süße, balsamische Wollust aasströmende Luft ein und schaute NUN mich nach allen Seiten um und überall war's so schön, so wunderbar schön. In schönen, wohlgepflegten, einander sich kreuzenden Alleen erstreckte sich der Hain; auf den moosbedeckten Wegen prangte der herrlichste Walddlumenflor. Plötzlich durchzitterte die Luft ein wunderbar harmonischer Orgelton. Mit angehaltenem Athem lauschte ich; es war unverkennbar, die Orgel wurde von Meisterhand gebandhabt. Und dann verhallte die Orgel und ich vernahm ein Summen und ein Tönen ganz eigenthümlicher Art und dann schwieg auch dieses und eine herrliche, klangvolle Männerstimme erhob sich. Doch die Worte, die sie sang, waren mir unverständlich. Und als der Gesang beendet, begann wieder daS Summen und Tönen und so immer wechselnd wiederholte sich dieses noch mehrere Male, bis die Orgel wieder einfiel und in mächtig harmonischen Tönen Alles überrauschte. Wie von unsichtbarer Macht gedrängt, folgte ich dem Orgelklang, und bald befand ich mich mitten im Hain auf einem runden, freien Platze, in dessen Mitte ein hohes, prachtvolles, domartiges Gebäude sich erhob. Breite Marmorstufen führten in das Innere des Gebäudes, aus dem die herrlichen Töne so verlockend mir entgegenhallten. Einige Herren, junge Damen am Ärm, schritten mir voran. Ueber dem Eingang prangte in goldenen, weithinstrahlenden Lettern der Gottesname, wie ihn der Jude nimmer ausspricht. Wir traten ein, eben schwieg die Orgel und das Summen und Tönen, das ich schon im Walde vernommen, vernahm ich hier noch lauter und noch harmonischer. Ueberrascht schaute ich mich um, doch in den ersten Minuten vermochte ich nicht zu entdecken, woher es kam. Und der ganze, seltsam schöne Raum, in dem ich mich befand, erregte so sehr mein Interesse, daß ich an das Tönen, obgleich es forrdauerte, im Momente verg .ß; denn der Raum war in Wirtlichkeit äußeret seltsam und schön. Der Form nach ein griechisches Kreuz bildend, erinnerte er trotzdem in manchen Eiqenthümlichkeiten an ein jüdisches Gotteshaus, freilich, erinnerte er auch nur daran. Dort, wo in der Synagoge die heilige Lade sich befindet, befand sich auch hier ein Schrei». Was er enthielt, ist mir unbekannt, aber auf dem Vorhang von schwerem, rothem Sammet prangte in plastisch schöner Goldstickerei eine vollendet schöne Frauengestalt. Diesem Vorhang gegenüber befand sich ein Pult und vor diesem Pult die imponirende Gestalt des Cantors. Ein großes aufgeschlagenes Gebetbuch lag vor ihm und neben demselben stand ein gar seltsamer Apparat, allem Anschein nach eine Dampfmaschine en miniature. Jetzt legte der Vorsänger seine Hand auf den Apparat und im Nu verstummte das Tönen und des Caators herrlicher Bariton erfüllte den Raum. Und nach einigen Minuten hob er die Hand und im selben Moment begann wieder das Tönen und Summen und jetzt erst merkte ich's, es kam von allen Seiten her, wie wenn mehrere hundert Beter sich in dem Raum befänden. Aber dem war nicht so, wohl standen in systematisch geordneten Reihen Banke und Betpulte für ein halbes Tausend Andächtiger, aber außer dem Cantor, meiner Wenigkeit und den wenigen Paaren, die mit mir zugleich eingetreten, befand sich kein lebendes Wesen daselbst.

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