Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1877)
- Date
- 1877-09-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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892 AeitrrrrgSrrachrichterr K Gorrefpoudeuze«. Italien. Mailand. Der isr. Gemeinde zu Mailand, Welche eine neue Synagoge zu bauen im Begriffe ist, wurde von der Stadtbehörde ein ehemaliges Klostergebäude zu diesem Zwecke angeboren. (W. JSr.) Frankreich. Paris. Wir brachten jüngst die Mittheilung, daß Frau Judith Lopez in Saint-Esprit einen Tugendpreis von der Akademie erhalten hat. In Bezug hierauf schreibt „Univers israelite" *): Wenn eine Frau durch ihre alleinige Arbeit, durch ihre täglichen Anstrengungen, nicht blos ihre engere Familie, sondern auch noch ferner stehende Verwandte ernährt, so erklären wir, daß sie alles Lob und eine Medaille mit Recht verdient, aber wir erklären auch, daß die Reichen ihrer Umgegend Vorwürfe verdienen. Man sagt oft zu den Israeliten: Bei Ihnen gibt es keine Armen. Aber man irrt sich; es gibt deren und zwar viele. Freilich gibt es gewisse stolze Leute, die trotz ihrer großen Armuth jede Unterstützung verweigern. Jedoch stehen den Reichen verschiedene Wege offen, auch solchen Armen in schöner Weise unter die Arme zu greifen. Feuilleton. Mt nnfc Schallen. Erzählung von Friedrich Rott. I. Es war im Juni vorigen Jahres, als ich auf einer Geschäftsreise begriffen in das Coupee eines Eisenbahn-Waggons stieg. Die Luft war drückend und schwül, ein Gewitter schien im Anzuge; es war mir daher willkommen, daß das Coupve, in das ich mich begab, nicht überfüllt war; nur zwei Damen und ein Herr befanden sich in demselben. Die Damen schienen der czechischen Nation anzugehören, sie erwiederten meinen Gruß zwar deutsch, setzten ihre Unterhaltung jedoch gleich darauf in slavischer Mundart fort; der Herr, dem ich mich gegenüher setzte, trug aber den echt germanischen Typus. Wir befanden uns bald in lebhafter Unterhaltung , während das Dampfroß uns durch eine der ödesten Gegenden unseres schönen Vater¬ *) Genannte Zeitschrift begann mit dem 1. September ihren 33 Jahrgang Wir gratuliren hierzu dem Chefredakteur, Herrn S. Bloch. Möge Gott ihn weiter kräftigen und stärken, auf daß er im Stande sei, wie bisher in so ehrenvoller Weise sür die jüdische Religion zu wirken. landes führte, und der Himmel sich mehr und mehr in ein schwarzes Wolkenkleid hüllte. Die Schwüle war unerträglich geworden, als plötzlich in mehrfachem Zickzack ein Blitz herniederfuhr, dem ein furchtbarer Donner fast im Moment folgte. Die Damen schrien laut auf vor Schrecken, ich aber griff nach meinem Hute, den vorgeschriebenen Segensspruch zu sprechen, und zu meinem nicht geringen Erstaunen gewahrte ich, daß auch mein Gefährte, den ich für nichts weniger als einen Juden gehalten hatte, ebenfalls sein Haupt bedeckte und gleich mir den beim Gewitter üblichen Segen flüsterte. Freudig begrüßten wir einander, nicht nur als Glaubens - sondern auch als Gesinnungsgenossen und unser Gespräch wendete sich jetzt fast ausschließlich internen Angelegenheiten zu. Das Gewitter dauerte fort. Blitz und Donner folgten einander unaufhörlich, ein heftiger Sturm hatte sich aufgemacht, prasselnd strömte der Regen hernieder. Auf den Wunsch der Damen, die vor Angst ihren Rosenkranz unaufhörlich durch die Finger gleiten ließen, hatten wir die Fenster geschlossen, dann nahmen wir unsere Unterhaltung wieder auf, unbekümmert um das Toben der Elemente. Wir besprachen die traurigen Erscheinungen der Neuzeit, wie leider in so vielen Gemeinden ausschließlich religiöse Institutionen mehr und mehr einen geradezu unjüdischen Charakter annehmen, und mein Reisegefährte erzählte unter Anderem, in welcher Weise in einer der bedeutendsten Gemeinden Deutschlands die heiligsten Liebeswerke geübt werden. „Es kostet mich geradezu Ueberwindung," fuhr er fort, „einer Leichenbestattung dort beizuwohnen. Das was feit Jahrtausenden bei unserm Volk nur die reinste Bruderliebe geübt, das wird in. ganz einfach durch Maschinen besorgt. Die Reinigung der Leiche wird erst auf dem Friedhof vorgenommen, eine Maschine hebt den Leichnam, eine Maschine spendet ihm im Nu ein tüchtiges Tuschbad, eins, zwei, drei, und die Geschichte ist fertig." Ick» starrte ihn an, im ersten Moment hielt ich diese Mitteilung sür einen Scherz. Juden sollte» so weit sich vergessen? — Doch er lächelte meiner Ungläubigkeit und bestätigte nochmals seinen Bericht. Das hatte ich in Wirklichkeit nicht für möglich gehalten. — Wohl weiß ich, daß leider nur allzu oft noch weit heiligere Pflichten mißachtet und mit Füßen getreten werden, doch wo es sich um reine Liebeswerke handelte, da hatten doch bis in neuester Zeit selbst unsere aufgeklärtesten Aufgeklärten ihr jüdisches Herz bewahrt; doch in unfern Tagen scheint auch dieses allmählich zu ersterben. „Wohin werden wir noch kommen?" fragte ich mit schmerze lichem Seufzer.