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Der Israelit · 1877-09-05 · Heft 36 (5.9.1877) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 36 (5.9.1877)
Date
1877-09-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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870 -aß sie von dem ausgesprochen sind, der sich am Sinai offenbart hat." — Man könnte ganze Seiten mit hierhergehörigen Citaten füllen, doch das eine mag genügen, um den Unterschied zwischen der Werthschätzung zu beurtheilen, welche die Ethik des Talmuds, vermöge ihres göttlichen Ursprungs, thatsächlich genießt, und derjenigen, welche ihr Herr Dr. Joel im Gegensatz zu den unzweideutigsten Aussprüchen der jüdischen Literatur einräumt. Nicht anders ist es mit dem Gefühl der Freiheit, das der Schriftauslegung des Talmud gegenüber ebefalls stets geherrscht haben soll, wenn es sich nicht um rituale oder jüdische Praxis, sondern um einfache Gewinnung des Wortsinns der Bibel handelt Greifen wir irgend eines der zahllosen hierher gehörigen Beispiele heraus Die Schrift sagt: Ihr sollt Gott, eurem Gott .nachwandeln (V 13. 5.) Der Talmud sucht nun den einfachen Wortsinn dieser Stelle zu erklären, und wirft zu diesem Zwecke die Frage auf: Wie wäre es möglich der Gottesherrlichkeit nachzuwan- -eln? Heißt es doch; Gott. Dein Gott ist ein verzehrendes Feuer! (ibid IV. 24.) Der Sinn dieser Worte kann daher nur sein, wandte Gottes Eigenschaften nach, u. s. w?) Da diese stelle, weder den Ritns, noch die Jurisprudenz, noch die Ceremonien berührt, so wird sie wohl zu denen gehören, mit denen Herr Dr. Joel nicht viel Ceremonie macht, und sie seinem Gefühl der Werthschätzung überweist. Wer aber nur einmal einen Blick in den Talmud geworfen, und sich von dem heiligen Ernst überzeugt hat. mit dem seine Autoren an Gottes Wort und dessen Erläuterung herantreten, der muß sich sagen, daß eine so gewichtige Forderung, Gott nachzuwandeln, nicht einem bloßen Gefühle der Werthschätzung überwiesen sein kann. Der Weisheit unserer Weisen war ja die min noch Gottes lebendiges Menschen erziehendes Wort, sie trieben ja nicht Bibelexegese aus Profession, sondern sie erläuterten Gottes Wort, im Sinne des Gesetzgebers, von dem sie wußten, daß er für alle Diktate seines Willens, den gleichen Ernst, denselben Gehorsam beanspruchte, aber auch nicht ein Jota seines Gesetzes von menschlicher Werthschätzung abhängig machte. Was Wunder, wenn daher Rambam in seinem bereits genannten Gesetzbuchs, nachdem er die menschlichen Leidenschaften und Tugenden. den Zorn und die Gelassenheit, Stolz und Demuth, Lüsternheit und Lauterkeit, Habsucht und Genüg¬ 6) 7a>?v>v. samkeit, Geiz und Freigebigkeit» Hartherzigkeit und Barmherzigkeit und viele andere aufgezählt hat, daß er dann wörtlich fortfährt, und auf Gründer angeführten Talmudstelle schreibt:^) „Wir aber sind gesetzlich verpflichtet die Mitttelftraße zwischen diesen Gegensätzen zu gehen, das sind die guten und geraden Wege, von denen in der Schrift gesagt wird, wandele in seinen Wegen. So wird nämlich die Erläuterung dieser Mizwah gelehrt: Wie Er gnädig genannt wird, so werde auch Du gnädig, wie Er barmherzig ist, so werde auch Du barmherzig, wie Er heilig ist, so werde auch Du heilig u. s. w." Der Jude, welcher keine Gnade übt, wo sich ihm die Gelegenheit dazu bietet, der unbarmherzig verfährt, wo er barmherzig handeln sollte, der die Heiligkeit nicht anstrebt, zu der er durch die Mahnung in Gottes Wegen zu wandeln berufen ist, der hat somit ein göttliches Gesetz übertreten. So hat es bis fetzt jeder pflichtbewußte Jude wenigstens verstan den. Daß diese Uebertretungen sich der irdischen Justiz ihrer inneren Natur zufolge entziehen , schwächt ihre göttliche Verpflichtungskraft nicht nur nicht ab, sondern steigert sie noch für den gewissenhaften Juden. Er weiß aus eben dem! Talmud, der diese Herzenspflichten angeblich erst! in zweiter Reihe behandeln soll, daß gerade im; DLi? "tiDon eine nur im Herzen begangene und daher der menschlichen Cognition sich entziehende Gesetzesübertretung, ganz besonders der strafenden göttlichen Vergeltung unterstellt ist — Wir haben gerade dieses eine Beispiel herausgegriffen, aber es ließen sich, wie jeder Kundige weiß, noch hunderte hierherstellen. Wer jedoch weiß, und dem Rabbiner der Breslauer Synagogengemeinde kann dieses Factum nicht unbekannt sein, daß die für das praktische Leben maßgebenden Codificatoren des jüdischen Gesetzes auch die Ethik des Talmud in ihre Gesetzsammlung mit ausgenommen haben, wer nur weiß, daß es — royn nobn gibt, der wird auch dieses eine Beispiel für überflüssig finden. Nun handelt es sich aber gar nicht ausschließlich um die Ethik im engeren Sinn, soweit dieselbe das innere Geistes - und Gemüthsleben umfaßt, sondern die Behauptung, daß der Schriftauslegung des Talmud gegenüber, da wo es sich um Feststellung des einfachen Wortsinnes handelt, stets das freieste Verhältniß gewaltet habe, geht weit über diesen uncontrollirdaren Rayon hinaus, und greift 7) '> 'r> rrb r>ix»7 '? 03m auch codificirt in ,'n ‘i per j"r>a und ,"n i"n >'a p"rca. 8) zu III. B. M. 19, 32 u. '3b j’tnp.

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