Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1877)
- Date
- 1877-09-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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866 <F zuvor war auch König August gestorben. Mit seinem Tode erlangte die Gräfin Kosel ihre Freiheit wieder. Sie reiste sofort nach Halberstadt, um unter Rabbi Bärmanns Leitung öffentlich zum Judenthum überzutreten. Allein sie fand den Edlen nicht mehr vor. Sie besuchte sein Grab und weinte auf demselben; auf dem Grabe des hochverehrten Mannes erinnerte sie sich seiner Worte, daß es für sie nicht nothwendig fei, öffentlich das Judenthum zu bekennen, wenn sie nur die Gebote der Ehrfurcht vor Gott, der Sittlichkeit und der Menschenliebe, wie sie das Judenthum lehrt» beobachte. Sie kehrte nach Stolpen zurück, wo sie noch über dreißig Jahre, im Ganzen also fast ein halbes Jahrhundert lebte. Sie erlebte noch, wie ihre süngste Tochter Friederike, die sich mit dem Grafen MoszinSki vermählte, durch ihren Einfluß auf den unter König August III. allmächtigen Minister Brühl, den Gründer der Brühl'schen Terrasse in Dresden, die faktische Beherrscherin von Sachsen wurde. Wenn auch die Gräfin Kofel nicht thatsächlich zum Judenthume übertrat, so verkündete sie doch Allen, die mit ihr in Berührung kamen, daß sie als Jüdin glaube, denke und lebe. Sie starb im Jahre 1765, im Alter von 85 Jahren, nach dem Berichte von Augenzeugen noch im Tode die Schönheit und Majestät des Aussehens bewahrend. Kömmst Du, geehrter Leser, einmal nach Halberstadt, so versäume nicht, den alten isr. Friedhof vor dem Johannisthore zu besuchen. Dort ruhen die sterblichen Ueberreste Rabbi Bärmanns und seines Freundes, des Rabbinen, den er einst aus Polen mitbrachte, nebeneinander. Aus jedem der beiden Gräber ist eine Silberbirke hervorgewachsen; die beiden Bäume schlingen ihre Kronen ineinander, so durch den äußern Anblick schon ein Bild gewährend von der Freundschaft, welche die beiden großen Männer im Leben vereinte. Rabbi Bärmann's Nachkommen sind über ganz Deutschland verbreitet. Der Dresdener Zweig nennt sich „Lehmann" nach dem ältesten Sohne des Residenten, der sich Lehmann Behrend schrieb. Die Halberftädter Zweige nennen sich Behrend; auf Rabbi Kosmann folgte wieder ein Rabbi Bärmann und dessen Sohn war Rabbi Michael Behrend, der Gründer des gleichnamigen Bankhauses in Hannover, dessen gegenwärtiger Chef wiederum Rabbi Kosmann Behrend heißt; auch gehören der Familie viele große Talmudgelehrte an, von denen ich nur Rabbi Jakob Hannover, der als Klausrabbiner in Halberstadt lebte, und den Chacham Jsak Bernays, der als Oberrabbiner von Hamburg noch im Gedächtnisse Aller lebt, nennen will; aber nicht nur seine leiblichen Nachkommen sind eS, welche das Andenken des Frommen zu einem stets segensreichen machen; das wird viel mehr durch fein thatenreiches Wirken, durch seinen tugendhaften Wandel bewirkt. Rabbi Bärmann hat den Ruhm der israelitischen Gemeinde zu Halberstadt für alle Zeiten begründet; sein Geist hat derselben das Gepräge aufgedrückt. Das Thorastudium, das noch heute in Halberstadt blüht, es erwächst aus der Saat, die Rabbi Bärmann gesäet hat. Den vielen großen Männern des vorigen Jahrhunderts, die in Halberftadt die Grundlage ihres Wissens gelegt und von denen wir im 21. Capitel dieser Erzählung einige genannt haben, reihen sich in der Jetztzeit so manche an, die dem Judenthume zum Ruhm und zur Zierde gereichen; von ihnen will ich nur meinen verehrten Lehrer, Rabbiner Dr. Hildesheimer zu Berlin, nennen. Es ist der Geist Rabbi Bärmann's, der auch diesem großen Manne die Anregung gegeben, die Verbreitung des Thora-Studiums zur Aufgabe seines Lebens zu machen. In der von Rabbi Bärmann gegründeten Klaus wirken, dem ehrwürdigen Rabbiner, Or. Sg. Auerbach, würdig als Rabbinats-Assefforen zur Seite stehend, gegenwärtig ebenso hingebend als segensreich mein verehrter Lehrer Rabbi Gerson Josaphat und mein theurer Freund Rabbi Jizchak Lange, ganz und genau in dem Sinne, wie Rabbi Bärmann es gewollt hat. Wir sind mit unserer Erzählung zu Ende. Möge sie den Erfolg haben, edle Glaubensgenossen, deren Herzen warm für das Judenthum schlagen, zur Nacheiferung anzuspornen. Noch Eins wollen wir bemerken: Rabbi Bärmann war niemals sehr reich gewesen; er hat auch bei seinem Tode keine großen Reichthümer hinterlaffen; das Geld, das er erwarb und wofür er mehr als einmal sein Leben wagte, betrachieie er nur als Mittel zur Förderung seiner großen Zwecke; er streute eS gern und freudig mit vollen Händen aus, wenn es galt, Gutes und Großes zu erwirken. Gottes Segen ruht heute noch ersichtlich auf seinen Werken. Zum ewigen Andenken wird sein der Gerechte. — Hierzu drei Beilage». * Verantwortliche Redaetion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).