Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-09-05 · Heft 36 (5.9.1877) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 36 (5.9.1877)
Date
1877-09-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447731--14077-2469971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

865 „Und wenn Sie mir versprechen würden,"" sagte er, „ „daß auch der König Jude werden sollte, rch könnte Ihnen nicht helfen."" „Und btt Kabalah?"" ^,,„Jch verstehe nichts von ihr."" „So empfiehl mir einen weisen Rabbi, der mir ein Amulet gebe, damit ich den König wieder an mich fessele." „„Selbst wenn das möglich wäre, so würde doch kein Rabbi in der Welt zu solchem Zwecke die Kabalah anwenden, zu solchem Ende den heiligen Namen Gottes mißbrauchen."" „So gib mir einen Rath; was soll ich thun?" „„Fügen Sie Sich geduldig in das Unvermeidliche. Widmen Sie Ihre Sorgfalt Ihren Kindern." " Die Gräfin sah Rabbi Barmann erstaunt an; Thränen entströmten ihren Augen. „Behrend," sagte sie. „wenn Du mir auch nicht helfen willst oder kannst — ich will dennoch Jüdin werden! Seitdem ich Dich kenne, weiß ich, daß das Judenthum die einzige wahre Religion ist. Es gibt nur Einen Gott! Der Gott Israels ist der Schöpfer des Weltalls, und Juda ist Sein auserwähltes Volk. Nur bei Dir, Behrend, habe ich Treue und Glauben und echte Tugend gefunden. Du hast selbst Deinen Feinden vergeben! Gottes Gebote, wie Ihr Israeliten sie haltet, sind wahr und herrlich allesammt. Selbst die unverständlichsten, wie das Verbot Wolle und Leinen zu mischen, — habe ich es doch an Dir erlebt — sind köstliche, lautere Wahrheit. Behrend. nimm mich mit Dir nach Halberstadt, ich will dort Jüdin werden!" „ „Gnädige Gräfin, das ist unmöglich; die Gesetze bestrafen den Uebertritt vom Christenthum zum Judenthum mit dem Tode. Aber es ist auch Nicht nothwendig, daß Sie Sich offen zum Judenthum bekennen. Unsere Weisen lehren: Die Frommen, seien sie Juden oder nicht, haben Antheil am künftigen Leben, sobald sie Gott verehren und aufrichtig das Gute wollen. Es genügt, wenn Sie im Herzen die Wahrheiten unsrer heiligen Religion bekennen. Ich will Ihnen die Sprüche der Vater, das sind die Sittenlehren unsrer Religion, in*s Deutsche übertragen lassen und sie Ihnen senden." " „O, thu' das, Behrend. Ein langes Leben voll Trauer liegt vor mir; ich muß Trost suchen und finden, um das Leben zu ertragen. Ich werde die Schriften, die Du mir schickest, eifrig studiren, und dann .... dann trotze ich allen Gefahren und trete öffentlich zum Judenthume über." Rabbi Bärmann verabschiedete sich von der Gräfin und kehrte nach Dresden zurück, um einige Tage bei seinen Kindern zu verleben. Unterdeß hatten die neue Favoritin und der Oberhofmarschall Baron Löwendahl den König bewogen , ernste Maßregeln gegen die Gräfin Kofel zu ergreifen. Baron Löwendahl. ein Landsmann und Verwandter der Kosel — seine Frau war eine Cousine der Gräfin — war einzig und allein durch die Gunst derselben in seine hohe Stellung gelangt; sie hatte sich durch diese Bevorzugung ihres Verwandten mit dem gesammten sächsischen Adel verfeindet; jetzt zeigte er seine Dankbarkeit dadurch, daß er die in Ungnade Gefallene auf jede nur mögliche Weise verfolgte; er umgab sie mit Spionen und berichtete jedes von der Kosel gesprochene Wort in gehässiger Weise dem Könige. Noch während Rabbi Bärmann in Dresden weilte, gab der König Befehl, die Gräfin zu verhaften; sie entfloh und begab fich nach Berlin an den Hof des Königs Friedrich Wilhelm des Ersten, des Sohnes des Kurfürsten Friedrich, der sich in Königsberg die Königskrone aufgesetzt und den wie am Eingänge dieser Erzählung haben kennen lernen. Auf Requisition des Königs von Polen ließ sie der König von Preußen nach Halle bringen, wo die sächsischen Bevollmächtigten sie in Empfang nahmen und nach dem Bergschloß Stolpen, der ehemaligen Sommer - Residenz der Bischöfe von Meißen, brachten. Rabbi Bärmann kehrte nach Halberstadt zurück. Hier ließ er von einem jungen protestantischen Theologen. Namens Bodenschatz, der später Superintendent in dem Bayreuthischen Städtchen Bayersdorf wurde, unter seiner Leitung die Sprüche der Väter in*s Deutsche übertragen und sandte das Manuskript der Gräfin.'^ Diese las das Buch wieder und wieder; außerdem beschäftigte sie sich eifrig mit dem Lesen der Bibel. Sie war damals sechsunddreißig Jahre alt und stand auf der Höhe ihrer wunderbaren Schönheit, die sie fich bis in das hölliste Alter bewahrte. Als einst der Fürst von Ligne sie besuchte, erzählte sie ihm, daß sie es für ein Glück halte, zu einem einsamen Leben gezwungen zu sein; sie habe in ihrer Einsamkeit alle Religionen studirt und gefunden, daß die jüdische die einzig wahre und rechte sei. Zum Abschiede schenkte sie dem Fürsten eine mit Randbemerkungen von ihrer eigenen Hand versehene Bibel. So erzählt der Fürst in seinen Memoiren, die vor circa 2ö Jahren in der Revua nouvelle zum Abdruck gelangt sind. Rabbi Bärmann erreichte ein hohes Alter; kurz vor seinem Tode übertrug er seine Stiftung, die Klaus, auf seinen Sohn Rabbi Kosmann, der in Bezug auf Tugend und Wohlthätigkeitssina das Ebenbild seines Vaters war. Nicht lange

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.