Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1877)
- Date
- 1877-08-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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806 nett — oder mich, der ich einen Juden aus der Welt schaffen wollte? Meine That würden sie als ein verdienstliches Werk betrachten. Dich aber würden sie verdammen. Und willst Du deßhalb in Dich gehen und bereuen? Nein, mein großer, erhabener König hat mit den alten, verrotteten Anschauungen gebrochen, seitdem Deiner starker Arm in Wien den Pfaffen zum Fenster hinausspedirte, als dieser es versuchte, den damaligen römischen König und jetzigen deutschen Kaiser durch Gespensterspuck zu schrecken. Denkst Du noch daran, August? Es war ein köstlicher Spaß. Der Pfaffe wollte Dich und den römischen König entzweien; er hatte sich als Gespenst verkleidet und schreckte den armen Joseph und warnte ihn vor dem Umgang mit Dir, ein, zwei, drei Nächte nacheinander. Die vierte Nacht bliebst Du bei Joseph, der halbtodt war vor Angst. Du aber griffst muthig nach der weißen Gestalt, und siehe da. sie hatte Fleisch und Bein. Da packtest sie mit Deiner Eisenhand und schleuderst sie zum Fenster hinaus. Alsbald jammerte im Burghof der Pfaffe; er hatte ein Bein gebrochen!"" Der König lachte aus vollem Halse; er schwelgte in der Erinnerung. Flemming nahm den Bortheil, den ihm des Königs Fröhlichkeit bot, wahr und fuhr zu reden fort: „Damals hast Du dem plumpen Aberglauben den Garaus gemacht und die Pfaffenherrschaft gebrochen. Du hast die Roheit, die bis dahin an den deutschen Höfen herrschte, die kein anderes Vergnügen kannte als Raufen und Jagen und Trinken und Essen, vertrieben, hast die Schönheit zu Deiner Göttin erkoren, hast den Ruhm Dir erworben, der schönste und galanteste Mann der ganzen Welt zu sein. Ein 'solcher Herr bedarf auch der Diener, die sich über die gewöhnlichen Vorschriften der Moral hinwegsetzen. Ich bitte Dich, August, geh nicht zu streng mit mir ins Gericht. Willst Du mich aber durchaus von Deinem Antlitze verbannen, so laß mich lieber gleich todtschießen, es hätte ja dann das Leben keinen Werth mehr für mich. Apropos, August, weißt Du schon, daß heute Nacht der Goldmacher, der Apotheker Böttger, angekommen ist?"" „Ist er endlich da! Sorge nur dafür, daß er gut bewacht und uns nicht geraubt wird. Wann wird er seine Experimente beginnen?" „„Schon in der nächsten Nacht."" „So geh und treffe alle Vorkehrungen. Es soll, außer dem Goldmacher Niemand zugegen sein als ich, Fürstenberg und Du." Flemming verneigte sich und ging; so war es dem Schmeichler gelungen , sich wiederum in der Gunst seines Königs festzusetzen: erbegab sich sofort in die Kanzlei, ließ sich sein AbsetzungSdecret geben und zerriß es. So wankelmüthig August auch war, Flemming hielt sich als mächtigster Günstling bis an fein Ende. Trotzdem sollte es ihm nicht gelingen, die Früchte seiner Bemühungen zu genießen. Hatte ihm feine erste Gemahlin, eine Fürstin Sapieha, fein Haus zur Hölle gemacht, so that es feine zweite Glmahlin, eine Prinzessin aus demselben Hause, noch mehr. Alles, Alles ertrug Flemming, um das Ziel seines Lebens, das Herzogthum Kurland, zu erreichen. Allein er starb im kräftigsten Mannesalter noch zwei Jahre vor dem letzten Kettler, dem Herzog von Kurland, dessen Krone er erben wollte. Er starb in Wien, wohin er sich im Aufträge des Königs begeben hatte. Da die Kirche 20,000 Thaler für den Transport der Leiche verlangte, so ließ die geizige Wittwe die Leiche zerschneiden und, in einen Reisekoffer verpackt , nach Dresden transportiren. Flemming hinterließ keine Kinder; sein Vermögen belief sich auf die für die damalige Zeit ungeheure Summe von sechszehn Millionen Thalern; außer seinen großen Gütern zwölf Tonnen baaren Goldes. Nach seinem Tode ließ der König einen Prozeß anhängig machen; eine Untersuchungscommission brachte zu Tage, daß der größte Theil des Vermögens unrechtmäßig erworben war; die Wittwe mußte acht Millionen Thaler an die Königliche Kammer zurückgeben. Fürst Lubomirski war in Polen in die Armee eingetreten. Die Geschichte meldet nichts weiter von ihm als den Protestanten-Mord zu Thorn, durch den er seinem Namen einen ewigen Makel aufgeladen. In Thorn, damals einer polnischen Stadt, war es bei einer Procession zu Streitigkeiten zwischen Katholiken und Protestanten gekommen . woraufhin Fürst Lubomirski an der Spitze von 2400 Mann in Thorn einrückte und den Bürgermeister Rösner nebst neun andern protestantischen Magiftratspersonen und Bürgern hinrichten ließ. Ein Schrei des Entsetzens ging durch die ganze Welt; König August, darob auf dem Reichstage zu Regensburg zu Rede gestellt, bewies, daß dieser Mord nicht ihm zur Last falle, sondern wider sein Wissen und Willen von Lubomirski begangen sei. Welche Strafe den Fürsten erreicht hat. meldet die Geschichte nichts Kehren wir nach diesen Abschweifungen zu dem Helden unsrer Erzählung zurück. (Fortsetzung folgt.) Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).