Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1877)
- Date
- 1877-08-08
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447727--13985-2469875- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
757 gang, . ... so wird außer uns Kubitschkas — Anna lachte — keiner im Hause sein, der Bruder schickt sogar die Marie weg und es kann daher Alles hübsch geheim bleiben." Magdeburger wurde mißtrauisch, er zog gravitätisch seine Dose aus der Tasche, nahm verlegen eine Prise, räusperte sich und sprach: „Es ist doch nix Krummes? Mammsell Anninko, in so was laß ich mich nit ein! es ist dich Alles redlich und ehrlich? — was?" „Was fällt Ihnen denn da ein Herr Magdeburger!" rief das Mädchen vor Zorn erglühend — „was schwätzen Sie denn da, Ihre Excellenz, die gnädige Frau Oberstburggräfin, wird doch wohl nichts Krummes Vorhaben!" Die Prise Tabak, die Magdeburger zwischen den Fingern hielt, entfiel seiner zitternden Hand; er blieb vor freudigem Schrecken und vor angenehmer Ueberraschung wie versteinert sitzen. Aber plötzlich verfinsterten sich seine Mienen, es fiel ihm ein, daß sich das Mädchen nur einen Scherz mit ihm erlauben könne, und er sagte ganz verdrießlich : „Mammsell Aminko, fangen Sie auch schon Mit solchen Narreschkaten an? Haben Sie das vielleicht vom Jäger Franz gelernt? Sie schicken in der großen Kält die Mammsell Marinko nach mir, as ich soll herüberkommen, — as Sie sich wollen e Spaß aus mir machen!.pfui Teixel, schämen Sie sich!" .... Magdeburger spie höchst ungalant und unmanierlich weit weg von sich „ein so schönes Mädel und schon so ... . so . . . ." Magdeburger war weder ein kluger Mensch, noch ein gewandter Redner, und da er nicht das passende Wort fand, seinen Satz, der sich eben nicht durch logische Schärfe auszeichnete, zu vollenden, und seine volle Entrüstung genügend auszudrücken; so brach er, sich in düsteres Schweigen hüllend, plötzlich ab, es seiner Zuhörerin überlassend, sich einen entsprechenden Abschluß des Satzes auf eignen Kosten auszudenken. „Aber was fällt Ihnen denn da ein!? Ihre Excellenz braucht Geld, und wills dem Excellenzherrn nicht sagen! . . . . , Sie will einen alten Schmuck verkaufen." Magdeburger wurde setzt vor Zorn roth wie ein Truthahn, dem man ein Scharlachtuch vorhält. Er hielt diese Behauptung für einen fortgesetzten, schlechten Scherz, und fühlte sich tief verletzt, daß man ihm David Leb Magdeburger für einen solchen Esel halte, dem man nur geradezu das dumme Zeug einreden könne: Die Frau Oberftburggräfin in Böhmen brauche Geld. Er sprang wüthend auf, setzte, aller guten Lebensart trotzend, im Zimmer seinen dreieckigen Hut — vor Zorn windschief — auf, und schrie wie besessen. „Das Hab ich nicht um Euch verdient, daß Sie und Herr Kubitschka bei dem Theater mitspielen, verdrießt mich noch mehr! .... ein sunges Mädel," er zuckte verächtlich mit der Achsel nach der Gegend, wo Anna saß, „was kann ich von dem verlangen?! aber Sie — den ich volle fünf Jahre treu und ehrlich bedien! .... Sie sollen sich aus mir ka so e Spaß machen! freilich," fuhr er mit bitterm Lächeln fort „die Oberstburggräfin , die arme Frau, nebbich 10)! braucht das Geld! auf was braucht sie? auf Brod für ihre Kinder? oder anf Holz zum Heizen? oder auf Schuh, weil ihre zerrissen sintenn)? Sie muß ihren Schmuck verkaufen! — und wenn sie ihren Schmuck verkauft" fuhr Magdeburger fort, im Eifer der Entrüstung förmlich zu einem Redner ausartend , „wird sie nach David Leb Magdeburger schicken, was da hinten hinaus im dritten Stock am Dreibrunnenplatz wohnt? oder wird sie nach Richter, Grohmann oder einen andern christlichen Juwelier schicken? He?! — und wenn sie einen Juden haben will, so ist Wolf Zappert da, in seinem eigenen Haus am großen Ring 12) — bei dem kaufen ' alle großen Herrschaften, und sogar der Kaiser, wenn er hier ist — und ich versteh' keinen Schmuck — besser soll ich von Frad 13) wissen, als ich weiß was e Brillanten werth sind .... ja e Winterrock, e Kasten, e Lustre, e Meerschaumkopf; in solchen machen bin ich Maitre — aber Mammsell Anninko as Sie's wissen, ich versteh' kein Schmuck. — und kein schlechten Spaß — und machen Sie sich gefälligst ein andersmal aus einem Andern einen Narren. — Adies!" „Was fällt Euch denn ein!" rief Kubitschka jetzt nnt einer Stentorstimme, Magdeburger beim Rvckärmel zurückhaltend, „und schreit nicht wie besessen! — es soll ja ein tiefes Geheimniß bleiben , es wird mir ja nicht einfallen, mir einen Spaß aus Euch zu machen, seid doch nicht wie meschugge — Kubitschka liebte es in seiner Conversation mit dem Kundschaftsgeher im Scherze einige jüdische Worte, die er aufgefangen hatte, einzustreuen. — „setzt Euch nur nieder wie ein vernünftiger Mensch, der Ihr doch seid; — und meine Schwester wirds Euch erklären. " 10) Ein Ausdruck des Bedauerns. Es hieß ursprünglich: „nie bei Euch!" und wurde da angewendet, wo von einem Uebel oder einer Krankheit gesprochen wurde. 11) eigenthümlich falscher Plural von „sind". 12) Dieser war der einzige Jude in Prag, der das Privilegium besaß, außerhalb der Judenstadt ein Haus zu kaufen und dort ein Geschäft zu betreiben. 13) Freuden. 14) verrückt.