Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1877)
- Date
- 1877-08-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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753 „Seine Majestät," sagte der Kammerdiener, „nimmt eben das Dejeuner bei Ihrer Erlaucht, der Reichsgräfin Kosel. Ihr werdet schwerlich jetzt recht kommen, Herr Resident." Der König hatte der Gräfin unmittelbar neben dem Schlosse eine wahrhaft fürstliche Wohnung einrichten lassen, und diese stand mit seinen eigenen Gemächern durch eine bedeckte Gallerie in Verbindung. Fremden war diese Gallerie verschlossen. Rabbi Bärmann mußte also umkehren und von der Straße aus sich in das Palais der Reichsgräfin begeben. Im Gesindezimmer fand er eine zahlreiche Dienerschaar; aber Niemand wollte ihn melden. Weder. Daniel Cojanus, der Kammerriese des Königs, der neun Fuß maß und, seiner türkischen Kleidung entsprechend, einen ungeheuren Turban auf Keinem Haupte trug, noch der ebenso lange Leibmohr des Königs. Vergebens bot der Resident zehn Ducaten für die Meldung; Niemand wollte die Ungnade des Königs riskiren. Da nahte sich ein kleines Männchen, nur zwei und ein viertel Fnß hoch; es nahm sich im Gegensätze zu den zwei Riesen ganz possierlich aus. Zwischen die Beine des großen Daniel Cojanus lief es hindurch, auf Rabbi Bärmann zu. „Restdentchen," sagte es, „gib her Deine Ducaten; ich melde Dich." Höflich zog Rabbi Bärmann den Hut vor dem kleinen Manne. „Ah, Herr Hante," sagte er; „ich bitte Sie, haben Sie die Gnade, mich Seiner Majestät zu melden und die Dringlichkeit der Audienz Allerhöchftdemselben vorzutragen." „„Gut, Restdentchen,"" antwortet der Kleine, „„aber erst gib die Ducaten."" Rabbi Bärmann that also, und Herr Hante machte sich auf den Weg. „Ja," sagte der Riese Cojanus, „ich hätte gern das Geld verdient; aber was der kleine Knirps wagen darf, das kann kein Anderer sich unterfangen." Herr Hante war der Leibzwerg des Königs, der bei seinem Herrn in großer Gunst stand. Er zeichnete sich nicht allein durch die Winzigkeit, seiner Person aus, er war sehr hübsch und proporlionirt; dabei war er ausgeweckt und sehr klug; es wohnte in dem kleinen, winzigen Körper ein nicht unbedeutender Geist; er ritt, focht und schoß gut, und zahlte zur Zeit unserer Erzählung zweiundzwanzig Jahre. Der König war übler Laune; er hatte sich mit der Gräfin gezankt; denn diese war schrecklich eifersüchtig, und August gab ihr nicht wenig Anlaß zur Eifersucht. Mitten in die heftigsten Ausbrüche trat Hante in das Gemach. Der König, froh, einen Ableiter seines Zornes zu finden, schrie ihn an: „Wer hat Dir erlaubt, hier einzutreten! Ich werde Dich spießen lassen!" „ „„Warum nicht gar?"" rief Hante lachend. „„Seht mir diesen undankbaren König! Ich habe eben fünf Ducaten für ihn verdient, die ich ihm bringen will, und er will mich dafür spießen lassen! Pfui, schäme Dich, August!"" Die Gräfin trocknete ihre Thränen und winkte das Zwerglein herbei. Galant küßte der Kleine der Gräfin die Hand. „Schönste Königin," sagte er, „hat dieser garstige August Deinen glänzenden Augen Thränen ausgepreßt? Hat er es gewagt, diese strahlenden Diamanten zu trüben? Warte nur, ich werde Dich bestrafen, Du ungalanter König!" „„Und womit wolltest Du mich bestrafen?"" fragte der König lachend. „Ich gebe Dir die fünf Ducaten nicht, die ich für Dich verdient habe! ' „„Welche fünf Ducaten?"" „Nun, ich habe zehn Ducaten dafür bekommen, daß ich Dir Jemanden melden soll, und fett einiger Zeit ist es ja Mode an diesem glanzendem Hofe, daß der großmächtige König von Polen und Sachsen die Hälfte der Trinkgelder einzieht. Hat doch der arme Flemming die Hälfte seines kleinen Trinkgeldes an seinen großen König abliefern müssen!" Der König lachte unmäßig. Der Zwerg zählte die fünf Ducaten in die Hand des Königs. Dieser rollte jedes Goldstück in eine Kugel zusammen und ließ es über den Fußboden rollen. Hante lief hinterher und holte es wieder. Als er wieder im Besitze seines Geldes war, nahm er eine militärische Haltung an, und sprach: „Ich habe die Ehre zu melden, daß vor der Allerhöchsten Majestät von Polen und Sachsen zu erscheinen wünscht des Königs unterthänigster Resident, der Jude Behrend Lehmann." Der König und die Gräfin sprangen von ihren Sitzen empor. „„Wer?"" riefen sie beide. „Der Königliche Resident Behrend Lehmann," wiederholts der Zwerg. „„Unmöglich!"" rief der König. „Da seht einmal diesen eingebildeten König an, der Alles besser wissen will! Starker August, hast Du nicht eben die Ducaten des Juden wie Brodkrumen zusammengerollt und jetzt sagst Du, es sei unmöglich, daß er eine Audienz verlange?" „„Er soll augenblicklich kommen!"" Der Zwerg lief davon, um das Gelingen seiner Botschaft zu verkünden.