Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1877)
- Date
- 1877-08-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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751 worden, daß die Religionslosigkeit vieler Glaubensgenossen, oder sagen wir richtiger Namenjuden, einen Grad erreicht hat, der nicht mehr überschritten werden kann, ohne auch den jüdischen Namen einzubüßen, dann liegt doch wenigstens die Möglichkeit vor, daß der Abfall in seiner ganzen Größe erkannt wird und daS Verlangen Platz greift, ihn zu sühnen. Wenn es so weit gekommen ist, daß, wie dies in Berlin vor einigen Monaten der Fall war, ein christlicher Gymnasiallehrer einen jüdischen Knaben nach Moses fragte, und nun erfuhr, daß der Gefragte von der Existenz eines Moses gar keine Ahnung hatte, so ist das ein solches Symptom, daß jener Wendepunkt nicht fern sei. Dieser Gymnasiallehrer beschränkte sich nicht nur darauf dem Knaben die Folgen seiner Religionslosigkeit vorzuhalten, sondern sorgte auch dafür, daß dieses Factum zur Kenntniß der maßgebenden Behörden gelangte; und es soll so der erste Anlaß zu dem an den Berliner städtischen Schulen neuerdings ertheilten jüdischen Religionsunterricht gewesen sein. Die Verehrer eines solchen Religionsunterrichts können daraus sehen, wie gerade die Religionslosigkeit es war, welche die ReacKon herbeiführte. Wir unsererseits können dieses Verfahren der Berliner städtischen Behörden, nur als ein beredtes Zeichen religiöser Toleranz dankbar begrüßen, ohne aber die Ueberzeugung unterdrücken zu können , daß auf diesem Wege eine Hebung der jüdischen Religiosität nicht zu erwarten ist. Wir könnten es nicht auf Grund unserer bisher dargelegten Ueberzeugungen, auch wenn bei der Anstellung der betreffenden Religionslehrer weniger traurige Mißgriffe vorgekommen wären, als thatsächlich geschehen sind. — Doch dies nur nebenbei. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Heilbron«. Wie nothwendig ein Austrittsgesetz , wie es in Preußen besteht, auch für die übrigen Länder Deutschlands ist, beweiset folgende Thatsache, die ich Ihnen von hier zu berichten habe. Den Lesern Ihres geschätzten Blattes ist eS bekannt, daß dahier unter großem Aufwande ein Pracht-Reformtempel erbaut wurde (die Gebetordnung in diesem Tempel ist s. Z. in Ihrer Zeitung einer gerechten Kritik unterzogen worden). Durch diesen unsinnigen Bau ist die Gemeinde beinahe k la Constanz an de« Rand des Verderbens gebracht worden. Herr M. U. von hier, Mitglied der isr. orthodoxen Gesellschaft hat sich vor etwa drei Wochen NUN fernerhin nicht mehr einer Gemeinde anzugehören, deren Reformtempel und Reformgottesdienst seinen religiösen Prinzipien entgegen sind und, weil das württemb. Gesetz keinen andern Ausweg gestattet, confessionslos erklärt und hat für sich und seine Familie auf einem in der Nähe liegenden iSr. Friedhof einen entsprechenden Raum gekauft. Siie können sich denken, wie unser reformirtes Kirchenvorfteheramt dagegen agitirt, um so mehr, als Herr U. jährlich eirca 7—800 Mark jüdische Steuer bezahlte, ohne daß derselbe wesentlichen Gebrauch von den diversen Einrichtungen machte. Berlin im Juli. Der Consul des deutschen Reichs in Jerusalem, Freiherrr von Münchhausen, interessirt sich schon seit längerer Zeit lebhaft für das Unternehmen, bildungsfähige junge Israeliten von dort nach Berlin zu schicken, um sie hier ausbilden zu lassen. Nur zwei Bedenken stehen im Wege, daß nämlich die meisten „jungen Leute" schon verheirathet sind, und daß die Befürchtung vorliegt, daß sie kaum Lust haben werden, nach Jerusalem zurückzukehren, sobald sie sich einmal deutsche Cultur angeeignet haben. In diesem Augenblicke schweben Verhandlungen über die Ausführbarkeit des Projektes zwischen dem Consul und einigen hervorragenden Juden Berlins. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. 31. Juli. Heute Vormittags fand sich bei Midhat Pascha eine Deputation der türkischen Judengemeinde Wiens ein, um eine Adresse zu überreichen. Die Deputation bestand aus den Herrn A. M. Israeli, Lazar de Majo, David de Majo, Leon Heim und A. Gerson. Midhat Pascha empfing die Deputation sehr herzlich und zeigte sich von den in der Adresse ausgesprochenen Sympathien ungemein erfreut. „Ich habe immer gestrebt," sagte Midhat Pgscha unter Anderm, „für die Verbesserung des Loses der Juden in den Ländern der Türkei Sorge zu trageu. Dies habe ich nicht bloö während meiner AmtSthätigkeit auf verschiedenen Statthalterposten, sondern auch erst kürzlich wieder beim Abschlüsse des Friedens mit Serbien gezeigt." Die Deputation machte hier die Bemerkung, daß die Intentionen Midhat's für die Juden bei diesem Friedensschluffe allerdings die humansten gewesen seien, daß man jedoch in Serbien gegenwärtig noch immer die alte Wirth-