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Der Israelit · 1877-08-08 · Heft 32 (8.8.1877) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 32 (8.8.1877)
Date
1877-08-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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750 betrachten, so wird man finden, daß er wahrlich lein Aequivalent für ein solches Attentat auf die Gewissensfreiheit bietet. Was können denn im günstigsten Falle die Segnungen eines Religionsunterrichts sein, der sich auf 2 Stunden per Woche beschränken muß? Nicht einmal Hebraisch-Lesen kann ein Kind lernen, mit dem nur eine zweimalige Leseübung in der Woche vorgenommen werden kann. Vergegenwärtigt man sich, daß ein Kind, welches Deutsch, also seine Muttersprache lesen lernen soll, Tag für Tag üben muß , weil eben bei den noch unentwickelten Gedächtnißanlagen des kleinen Lesers, ein einziger ausfallender Tag, schon eine sehr wesentliche Lücke schaffte, was kann man da von einem Leseunterricht in einer schweren fremden Sprache erwarten, der zweimal in der Woche ertheilt werden soll? So kann Jemand einen fiaatlichen, obligatorischen zweistündigen Religionsunterricht von der Sexta bis zur Prima hinauf genossen haben, kann aus seinen Religionsheften die Eigenschaften Gottes und noch vieles Andere herdeclamiren können, ja kann in der „Religion" eine I in seinem Abgangszeugniß erhalten haben, und braucht bei alledem noch nicht einmal — lesen zu können. Wer das für übertrieben hält, mag einmal die Probe machen und einem Knaben oder einem Mädchen, das seine Religion ausschließlich aus einem zweistündigen obligatorischen Religionsunterricht geschöpft hat, einen Siddur vorlegen, das wird Diejenigen entnüchtern, die sich von den Segnungen eines solchen Unterrichts Großes versprechen. Und da wende man nicht ein, es sei doch so viel jedenfalls gewonnen, daß das Kind wenigstens den Siddur nicht verkehrt in die Hand nehme, das es das Hebräische wenigstens radbreche, daß es zwar Nichts von der Verpflichtungskraft der Gebote Gottes, aber um so mehr von seinen Eigenschaften wisse! Es gibt vielleicht keinen gefährlicheren Jrrihum als gerade diesen. Denn unter allen zersetzenden Einflüssen, welche das Judenthum, d. h. seine Erkenntniß und Verwirklichung gefährden, ist wohl keiner so gefahrdrohend als die Halbheit und falsche Genügsamkeit, auf welche man so vielfach stößt, wenn es sich um die Förderung wahrhaft jüdischer Interessen handelt. — Es würde die Grenzen dieses Aufsatzes überschreiten, den gefahrvollen Einfluß dieser beklagenswerthen Halbheit nach allen Seiten hin zu beleuchren. Beschränken wir uns daher nur auf unfern Gegenstand. Also, Vorstände, Rabbiner, Lehrer aller Rich- > tungen streben nach officieller Anerkennung des Judenthums, bitten um obligatorischen Religionsunterricht. 'Die gesetzestreuen Petenten sagen sich natürlich, daß aus einem solchen Unterricht keine Juden hervorgehen werden, wenn nicht noch außerdem ein jüdischer Religionsunterricht wie bisher von der Gemeinde geboten wird; daß also diese Maßregel rücksichtlich ihres specifisch jüdischen Werthes eine halbe ist. Dagegen werden die Halben, die Lauen und die Linken sich mit einem solchen Religionsunterricht vollständig zufrieden geben. Warum sollten sie auch nicht? Ihre Kinder genießen ja einen Unterricht, für den selbst orthodoxe Rabbiner eingetreten sind. Ein so gesinnter Gemeindevorstand, wird über kurz oder lang die jüdische Gemeindeschule für überflüssig halten müssen, der zweistündige jüdische obligatorische Religionsunterricht wird dann die einzige Quelle sein, aus welcher die Kenntniß des Judenthums unseren Kindern zugänglich sein wird. Unsere Kinder werden in dem Glauben erzogen, Jüde sein, hieße nothdürftig Hebräisch lesen, Katechismussätze abhaspeln und vielleicht noch etwas biblische Geschichte erzählen können! Sie werden sich freuen, wenn sie einmal groß sein werden, die um ihr Judenthum betrogenen Kleinen, wie wenig dazu gehört, zum „auserwählten Volke" zu zählen. Sie haben ein Recht trotz aller Unkenntniß dessen, was einen Juden zum Juden macht, sich für die Juden par excellence zu halten: Es wird ihnen nie eine Ahnung darüber aufgehen, daß Jude sein und als Jude leben etwas ganz Anderes als dasjenige sei, was ihnen noch als schwache Jugendreminiscenz an ihren zweistündigen Religionsunterricht im Gedächtniß geblieben ist, denn ihr Leben verwirklicht alles Das, was ihnen als jüdische Religion gelehrt wurde. Wie soll ein so jammervoller Zustand einmal enden? Und wer hat ihn anders geschaffen, als das „Bischen Religion," welches man Denjenigen retten zu müssen glaubte, welche sonst ihre Kinder ganz religionslos erziehen. Welche Gutthat werden denn, mit diesem Duodez-Religiönchen ausgestattet , je einmal die groß gewordenen Kleinen mehr üben, die sie nicht auch ohnedies geübt hätten, oder welches Unrecht werden sie deshalb unterlassen, weil es ihnen in der obligatorischen Religionsunterrichtsstunde als solches — dictirt wurde? Was aber soll denn geschehen? Nichts. in diesem Sinne und nach solcher Richtung jedenfalls Nichts. Eher darf man sich von einem vollständigen Bruch eine Erkenntniß und Heilung des UebelS versprechen, als von solchen gedankenlosen Quacksalbereien. Sind erst die Zustände so traurig ge-

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