Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-08-01 · Heft 31 (1.8.1877) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 31 (1.8.1877)
Date
1877-08-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447726--13952-2469841
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

733 Geistes und Gemüthes anbelangt, war er ein streng-frommer Jude, ein ehrlicher Mann. Doch darf'ich als gewissenhafter Berichterstatter nicht verschweigen, — was der scharfsichtige Leser auch ohne meine specielle Andeutung aus dem Laufe der Wahrheitsgetreuen Erzählung herauslesen würde, daß David Leb Mageburger ein sehr unwissender und auch mit Geistesgaben nicht allzureich gesegneter Mensch war, und, daß wenn ich gezwungen würde, ein Verbiet über ihn abzugeben, ich ihn mit reinem Gewissen als das bezeichnen müßte, was man heut zu Tage einen ehrlichen, braven, aber dummen Kerl nennt. In dem Augenblicke, wo ich ihn dem verehrten Leser kaffeetrinkend und semmelbrockend vorstelle, wo kein Fremder, nur seine Frau Dina anwesend war — Kinder besaß er keine — lag die Brille unbenutzt zu seiner Rechten, während eine schwarze runde Tabaksdose. aus der er häufig schnupfte, zu seiner Linken stand. Die silberne Schabbesdose war mit dem Sabbatausgange, ihres Inhaltes entleert und sorgfältig aufbewahrt worden. „Dina leben *) mein Kindbegann Magdeburger, nachdem er sein Frühstück beendet und gebenscht^) hatte, „heute, Hab' ich nichts im Geschäft zu thun, heute werde ich dl! neder1 2 3 4) zu allererst eine neue Mesusse^) an der Kammerthüre anschlagen, dann an meinem Schabbestalles 5) neue Zizis3) anmachen — dann werd' icf) mir den EhanukatiegeN) sauber putzen, die Mad3) macht mir's nie recht; dann . . . ." David Leb hätte gewiß noch eine anständige Reihe sehr nützlicher und lobenswerther Thätigkeiten, denen er sich hinzugeben beabsichtigte, aufgezählt; aber er wurde von einem jungen, rothbackigen, blondzopfigen Mädchen von etwa vierzehn Jahren, das zuerst unbemerkt eingetreten war, unterbrochen. „Ah! Mammsell Marinka!" rief Frau Magdeburger „schau! was für Gast am frühen Morgen; das wird heut ein glücklicher Tag werden, wenn früh ein so schönes Mädel zuerst in's Zimmer tritt .... Setzen Sie sich doch Mammsell Marinka; was bringen Sie uns Gutes?" so sprechend 1) leben ist hier die Beifügung eines Zärtlichkeitswortes, das entweder richtig „ lieb" heißen sollte oder in der Redefigur der Glipse heißen soll leben .... sollst Du lange und glücklich. 2) Tischgebet verrichtet. 3) eine Redensart, die jeder fromme Jude ausspricht, wenn er von irgend einem Vorhaben redet, und so viel heißt als ohne Gelöbniß. — Denn Jeder muß das, was er ausspricht, auch vollführen, nach dem Bibelworte: „den Ausspruch Deiner Lippen mußt Du auch halten". 4) mit Bibelstellen beschriebene Pcrgamentrolle. 5) Betmantel. 6) Schaufäden. 7) Tempelweihfest. 8,j das Dienstmädchen. schob die kleine, runde, bewegliche Frau einen Stuhl für den Gast zum Tisch. Mammsell Marinka erröthete vor Vergnügen über den freundlichen Empfang, und über das artige Compliment. „Der Vaterl und die Mutterl lassen sich schön empfehlen und grüßen, und der Herr David Leb möcht' bissel hinüberkommen," sprach das Mädchen mit böhmischem Accente. „Ja, mein Kind! ich komm' gewiß und bestimmt, . . . ., was will denn der Vaterl, — wissen Sie's nicht Mammsell Marinki?" „Weiß ich nicht; aber kommen Sie bald bevor der Vaterl in die Kirche geht, es sei wichtig, hat der Vaterl gesagt; und Mutterl auch . . . ." „Haben Sie schon gesrühstückt Mammsell Marinka?" frug Dina Magdeburger mit virtuoser Zungengeläufigkeit „und wenn auch! — der weite Weg von der Kleinseite über die Brücke macht recht hungrig, kommen Sie Mammsellinke, trinken Sie noch ein Schalerl Kaffee mit uns." Mammsell Marinka deprecirte zwar, aber Frau Dina blieb so vollständige Siegerin, daß Mammsell Marinka zwar nicht das Schlachtfeld, aber doch einen vollen Teller Kuchen, Ueberreste von Samstag, ursprünglich zur Jause bestimmt, den die gastliche Hausfrau ihr vorsetzte; — vollständig räumte; — und den Kuchen mit drei Tassen gutem Kaffee befeuchtete. Um sie zur Heimreise zu stärken, schenkte ihr Frau Magdeburger zum Schluß noch ein Gläschen feinen Liqueur ein. Das Marinka verschämt austrank. Dann leckte dos Mädchen mit seinem Züngelchen seine Lippen ab, machte einen hübschen Knix, und empfahl sich. . „Neugierig bin ich, was der Portier von mir will" sagte David Leb zu seiner Frau, „DorstigO) war ich erst drüben, von ka Massenmatten 10) ka Gedanken; auf einmal soll ich hinüberkommen. Ich bab' den Orel") ganz gern, e feiner, choschewer^) Mensch; — aber der einzige brave Mensch im ganzen Haus. Der Szor^) selbst, der Oberstburggraf is doch ein Szone Jsroel") as man ihm mög alle Zähne herausnehmen, — keinen Juden kann er vor sich sehen; — ich weiß gar nicht wie sie bekohol15) mit ihm durchkommen und e alt Sprüchwort is, wie die Adonim so dieAwodim") — Alle Lakaien, der Kutscher, der Jäger, der Koch, der Büchsenspanner — alle sind Reschoim 17) 9) Donnerstag.^ 10) Geschäft. 11) Christen. 12) würdiger. 13) Cavalier. Lw bezeichnet der Jude damals jeden Hähergestellten vom kleinsten Beamten bis zum Minister, vom Unterlieutcnant bis zum Feldmarschall. 14) Judenfeind. 15) Gemeindevorstand. 16) Wie der Herr so der Knecht. 17) Judenfeinde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.