Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1877)
- Date
- 1877-08-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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732 Feuilleton. Aavid Lrb Magdeburger. Prager Ghettobild aus dem letzten Viertel des vor. Jahrhunderts. *) Von S. Kohn, Verfasser des „Gabriel". I. David Leb Magdeburger war so eben Sonntag früh au-:- der Synagoge heimgekommen und saß beim Frühstück. Er hatte einen, tüchtigen Topf Kaffee vor sich stehen, in welchem er sich zwei Semmeln einbrockte, deren Dimensionen, sie unserem zwerghafte Kipfel erzeugenden Bäckergeschlechte, als vorweltliche Riesengeschöpfe erscheinen lassen würden. David Leb Magdeburger war ein Kundschaftgeher. Wißt Ihr, was das ist? Nicht! — Gut, ich will's Euch erklären. Zu der Zeit, in der unsere Geschichte spielt, waren die Juden in Oesterreich, Böhmen vorzugsweise, aber in Prag fast ausschließlich auf den Handel angewiesen. Eine eigene Specialität von Geschäftsleuten aber, eine Art, die unter den jetzigen Verhältnissen auf dem Aussterbeetat gesetzt ist, bildeten die „Kundschaftgeher." Es waren dies ambulante Handelsleute, die keine Waarenlager hielten, nur das kauften, was sie für ihre Kundschaften benöthigten, und diesen alles, was sie brauchten, ins Haus brachten. Die Zahlung für die gelieferten Maaren empfangen sie theils in Tauschwerten, theils in kleinen monatlichen oder wöchentlichen Raten. Ein richtiger Kundschaftsgeher mußte alles Erdenkliche herbeischaffen, ja er war, wenn er mit seinem Geschäftsfreunde auf gutem Fuße stand, dessen Freund, Berater, zuweilen sogar Gewissensrath. Wenn der Hausvater einen Winterrock, die Mutter ein Tuch, die Tochter Ohrringe, der Sohn eine silberne Uhr brauchte, war es der „Hausjud", — so wurde der Kundschaftgeher von seinen christlichen Geschäftsfreunden bezeichnet, — der alles das auftreiben mußte und als starke ä Oonto-Zahlung einige alte Schlasröüe, ein heiseres Spinett, ein unbrauchbar gewordenes Jagdgewehr, einen pensionirten kupfernen Waschkessel, wohl auch etwelche Mausefallen, oder andere mehr und weniger nützliche Gegenstände zu mäßigen Preisen annahm und den Rest in wöchentlichen Ratenzahlungen erhielt. Da wo *) Jeder Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden, Uebcrsetzungsrecht Vorbehalten. der Kundschaftgeher nicht nur Hausjud. sondern auch Hausfreund war, wurde seine Hilfe auch bei ganz andern Veranlassungen in Anspruch genommen. Wenn sich z. B. der Babi, der hübschen Tochter des Altstädter Stadtviertlers Kardasch, ein junger Wittwer aus der oberen Neustadt mit deutlich ausgesprochenen Heirathsabsichten näherte, und die Eltern des Mädchens ohne Aufsehen zu erregen, Erkundigungen über den Freier einziehen wollten, wurde zu diesem freundschaftlichen Spionendienst gerne der Hausjud, reets Kundschaftgeher verwendet. Dieser kam in verschiedene Häuser, hatte Gelegenheit dies und das zu hören, und war, was ihn namentlich ganz besonders hierzu qualificirte, ein ganz ungefährlicher, parteiloser, neutraler Mensch; er konnte nie selbst in die Lage kommen, den Heirathskandidaten, über den er referiren sollte, für seine Tochter, seine Schwester, seine Nichte zu acquiriren. Wer damals die Idee einer Mischehe ausgesprochen hätte, wäre unbedenklich als ein vollkommen verrückter Mensch betrachtet worden. Der Kundschaftgeher war von Montag früh bis Freitag Abend auf den Beineff; fleißig, thäthig, regsam. Vor Anbruch des Freitag Abends schloß er seine Geschäftsthätigkeit. Samstag war er — in seinem eigenen Hause — ein König, und auch Sonntag war für ihn ein halber Normatag. Da konnte er keine Einkäufe machen, denn alle Läden am Tandelmarkte, der außerhalb des Ghettos lag, waren an diesem Tag geschlossen, und auch seine Kunden mochte er am Sonntag nur dann besuchen, wenn er ausdrücklich bestellt worden war. David Leb Magdeburger hatte auch den heutigen Sonntag für verschiedene häusliche Verrichtungen bestimmt. — Aber, habe ich Euch schon gesagt, wie David Leb Magdeburger ausgesehen hat? — nicht? — da muß ich's gleich nachholen; denn ich liebe es, wenn man die Helden meiner Erzählungen, so recht vor Augen sieht. Der bloße Name! man weiß ja gar nicht, was man sich unter David Leb Magdeburger vorstellen soll! ist er jung oder alt? mager oder dick? klein oder groß? — also, daß Jhr's nur wißt; David Leb Magdeburger war von allen dem nichts; sondern er war ein Mann von fünfzig Jahren, mittelgroß, von mittlerer Stärke, mit einem gesunden, rothen Gesichte, um welches von einem Ohrläppchen zum andern ein Rundbart lief, der, eben so wie das Haupthaar, schon einzelne graue Stellen aufwies. Obwohl er ziemlich gute Äugen hatte, pflegte er sich doch, namentlich an Sabbaten und Feiertagen aus geheimer Eitelkeit eine schwarze Hornbrille zuzulegen, weil er sich einbildete, diese Zuthat verleihe ihm eine gewisse Würde, ein feines nobles Aussehen. — Was das Portrait seines