Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1877)
- Date
- 1877-08-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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730 sein. Wahrlich, wenn ich davon gewußt hätte, ich hätte es nicht zugegeben, daß der arme Kerl wäre erschossen worden." „»Ha, ha, ha! Da seht Ihr, daß ich Recht habe. Doch laßt uns von etwas Anderm reden. Wollt Ihr nicht einen Imbiß zu Euch nehmen?"" „Ich danke, Herr Oberstlieutenant. Wir Juden dürfen von Ihrer Kost nicht essen." „„Also ein Gläschen guten Rheinwein?"" „Ich danke, danke wirklich." „„Nun denn, ein Schnapschen. Echten, alten Nordhäuser!"" Der Commandant ging an ein Schränkchen, holte eine Flasche und zwei Gläser hervor und füllte diese. Die beiden Männer stießen die Gläser an einander und tranken. „Adieu, Herr Commandant, leben Sie wohl. Viel Glück zur Hochzeit!" „„Was, Ihr wollt schon gehen? Bleibt noch ein Stündchen; wir wollen plaudern von Polen; ich habe Euch noch gar nicht erzählt, wie ich mein Bein verloren!"" „Ein andermal, Herr Oberstlieutenant; ich muß setzt fort; dringende Geschäfte rufen mich." Der Oberstlieutenant begleitete seinen Gast bis vor das Schloß, wo Rabbi Bärmann sein Pferd wieder bestieg. Er warf dem Soldaten, der es gehalten hatte, einen Thaler zu. Schon war der Resident eine Strecke weit geritten, als er die Stimme des Commandanten „Halt, halt!" rufen hörte. Erschrocken wandte er sein Pferd. „Was soll," rief Herr von Crux, „mit dem Pferde Eures Dieners geschehen? Es ist ein gutes Thier, seine 20 Carolin werth. Wollt Ihr es mit Euch führen?" Erleichtert athmete Rabbi Bärmann auf. „„Ich schenke es Ihnen,"" rief er. „..zu Ihrem Hochzeitsfeste."" „Danke, danke! Ein nobles Geschenk." Die Zugbrücke wurde niedergelassen; der Resident ritt hinüber; die Brücke wurde wieder aufgezogen. Rabbi Bärmann war glücklich der Höhle des Löwen entronnen. In langen Äthemzügen und mit unsäglicher Lust sog er die kalte, reine Winterluft ein. Durch breite Steinplatten hindurch zog sich der Pfad, den das Pferd bergabwärts nahm. Weiterhin erhob ein dichtes Wäldchen von Eichen, Kiefern, Fichten, Tannen und Birken seine hohen, schlanken Stämme mit ihren vielgegliederten Aesten und Zweigen. Hohe, gen Himmel strebende Felskuppen, neben und hintereinander gelagert wie riesige Wächter und Beschützer des Königsteins, erblickte sein Auge, und zwischen ihnen hindurch schlang sich ein breites , in der Sonne silbern blitzendes Band, die Elbe! Da die Kälte nicht bedeutend und die Elbe frei von Eis war, so schwammen auf ihrem Rücken stromabwärts stein - und holzbeladene Kähne, die von der Höhe aus gesehen wie Kinder - Spielzeug sich ausnahmen. Nach Südosten hin breitete sich das Städtchen Königstein am Fuße der Festung aus. Aus den Schornsteinen wirbelten weiße Rauchwolken hervor, darauf schließen lassend, daß im Innern der kleinen Häuser das Feuer in den Oefen loderte, behagliche Wärme verbreitend. In der Mitte des Städtchens lag die Kirche; jetzt trat der Stadtpfeifer aus seiner Wohnung auf dem Kirchthurme heraus, stellte sich auf den Rundgang desselben, um, wie es üblich war in jener Zeit, die Vesper zu blasen. Er setzte die lange, in der Sonne blinkende Posaune an den Mund und begann die bekannte Weise zu blasen: „Nun danket alle Gott". Und Rabbi Bärmann folgte der Aufforderung. Auf einem Bergvorsprung angelangt, stieg er vom Pferde, band sein Roß an einen Baum und betete das Minchah-Gebet. Mit welcher Andacht betete der vom Tode Errettete! Wie flehte er so innig Gott um Seinen fernern Schutz an! Denn nun trat die Frage an ihn heran: Was sollte er jetzt beginnen? Sollte er nach Dresden zurückkehren und sich der Wuth seiner Feinde aussetzen oder sollte er entfliehen, sein Vermögen, das man sicher mit Beschlag belegen würde, in Stich lassen und ein armer, heimathloser Bettler werden? Denn wenn ihn Sachsen reclamiren würde, so war er auch in Preußen nicht sicher, da ihn der König von Preußen auf Sachsens Reklamationen sicher ausliefern würde. Immer wieder und wieder trat die Frage an ihn heran: Wessen konnte man ihn beschuldigen? Er war sich keiner bösen That bewußt. „Nein," sprach er, „ich werde nicht feige entfliehen; ich werde nach Dresden zurückkehren, vor den König treten und ihn fragen, wessen man mich bezüchtigt. Ich werde meine Feinde der Lüge und Verleumdung überführen. Der allmächtige Gott, der mich heute vom Tode errettet, Er wird mir ferner helfen!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaetion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).