Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1877)
- Date
- 1877-07-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447725--13927-2469815- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
709 Pineas; spurlos scheinen die Jahre an dem ehrwürdigen Manne vorüber zu eilen, sein Haar ist noch glänzend schwarz, seine Haltung ungebeugt, sein Antlitz ernst und doch leuchtet's wie in seliger Verklärung. Auch Rabbi Davids Gestalt ist noch ungebeugt, doch Gram und Sorgen haben sein Haupt längst gebleicht und so innig beglückt er sich fühlt, heute ist er kaum im Stande, seine Erregung zu beherrschen; wieder und wieder preßt er des Sohnes Hand in seine und Gabriel beginnt beinahe für den Vater zu fürchten Jetzt hat der Bräutigam mit seinem Gefolge den Baldachin erreicht, der in dem Vorhof der Synagoge seiner harrt. Auf's Neue ertönt Musik, es ist die Braut, die nun erscheint. Zipporah und Dina geleiten das holde Mädchen, deren erröthendes Antlitz ein goldener Schleier sittig verhüllt. Unmittelbar hinter der Braut folgen ihre nächsten Angehörigen, unter ihnen ein schlankes hochgewachsenes Mädchen, dessen seltene Schönheit wir schon ehedem bewundert. Es ist Hanna, die edle hochherzige Hanna. Rabbi David hatte sich gelobt, sie nimmer von sich zu lassen, und er hatte Wort gehalten. Nach seiner Wiedervereinigung mit Gattin und Sohn hatte auch er sich in H. niedergelassen und war mit dem Retter seines Sohnes und dessen Familie in stetem Verkehr geblieben. Und hier in dieser reinen anregenden Umgebung hatte auch Hanna allmählich die Ruhe ihres Herzens wiedergefunden und das Bild Friedrichs von Waldensee war allmählich auch aus ihren Träumen geschwunden. Doch sieh, wie das holde Antlitz so rosig plötzlich erglüht, wie die langen dunkeln Wimpern sich senken — der Blick ihres Verlobten hatte sie getroffen. Benjamin, Rabbi Pineas ältester Sohn, der vom ersten Augenblicke an das schöne Mädchen mit glühender Liebe in sein Herz geschlossen, hat das ihre endlich gewonnen. Und abermals sind sechs Jahre verstricken. Es ist Freitag, der Nachmittag schon ziemlich weit vorgerückt. Hanna, unterstützt von ihrem fünfjährigen Töchterchen, ordnet den Sabbattisch, wahrend Benjamin ihr Gatte, eben die letzte Hand an seine sabbatliche Toilette legt und ein dreijähriges Bürschchen, bereits im Sabbatanzug um ihn herum trippelt und ihn beständig mahnt, daß es schon Zeit, in die Synagoge zu gehen. Da öffnet sich die Hausthür, ein Bettler tritt herein, wirr hängt sein weißes Haar um sein gelbes faltiges Antlitz, dünne vielfach zeriffene Kleider bedecken kaum die abgezehrten Glieder. „Jakob, mein Herz, schau' mal hinaus, wer da draußen in der Hausflur." Gehorsam öffnet der Kleine die Zimmerthür und steckt das Köpfchen hinaus, doch mit lautem Schrei fährt er zurück; die unheimliche Gestalt des Bettlers hat ihn erschreckt. Das Schwesterchen lacht des furchtsamen Knaben; neugierig schlüpft sie hinaus, die Ursache seines Schreckens zu ergründen; doch ihr Muth wird auf eine weit härtere Probe gestellt; denn kaum hatte der Bettler sie erblickt, als er mit dem Ruf „Hanna!" auf sie zvstürzt und sie in seine Arme schließt. Auf das Geschrei der sich sträubenden Kleinen eilt Benjamin herbei und fährt in heftigen Worten den Bettler an. Dieser hat bereits seine Fassung wieder erlangt; bebend läßt er die bebende Kleine aus seinen Armen niedergleiten und lehnt sich wie erschöpft an die Mauer. „Verzeiht Herr!" stammelt er, die seltsam funkelnden Augen noch immer auf das Kind geheftet „die Ähnlichkeit — das Kind — ist es euer?" Benjamin hat in seiner Gutherzigkeit seine harten Worte von vorhin bereits bereut „freilich ist es meine Leah" erwiedert er lächelnd, das liebliche Köpfchen der sich an ihn schmiegenden Kleinen streichelnd. „Aber man wird gleich in Schul gehen, kommt nach Schul wieder her und seid über Schabbos unser Gast." Doch der Bettler scheint diese Einladung nicht vernommen zu haben. „Leah" flüstert er in sich erschauernd, „Leah — und ich Hab' gemeint, es wär' Hanna — Narr, der ich bin, als ob die- Großen wieder Kinder werden." — Benjamin hat die Worte nicht verstanden, doch er zweifelt an der Zurechnungsfähigkeit des mit sich selbst Flüsternden, achselzückend kehrt er in das Zimmer zurück, um mit seiner Frau zu berathen, was mit dem Irrsinnigen zu beginnen. Hanna tritt hinaus, den Unglücklichen in Augenschein zu nehmen. Doch kaum hat dieser sie erblickt als er mit ausgebreiteten Armen zu ihren Füßen niederstürzt. „Hanna! Hanna!" Und Hanna, trotz der furchtbaren Veränderung, die mit ihm vorgegangcn, hat ihn im Moment erkannt, und vergessen hat sie, daß seine wilde Leidenschaftlichkeit eS war, die sie einst in die Flucht getrieben; sie sieht in ihm nur Denjenigen, der ihre Kindheit beschützt, der sie gehegt und gepflegt, und den sie einst Bruder genannt. „Simon! Simon! um Gott, wo kommst Du her? was ist mit Dir geschehen?" Doch der in furchtbarster Erregung vor ihr Liegende ist nicht im Stande, ihre Fragen zu beantworten; auch ist's nicht an der Zeit, denn der Sabbat naht. Mit Benjamin'S Hilfe schafft sie