Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1877)
- Date
- 1877-07-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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710 den halb Bewußtlosen ins Zimmer, in den hohen Lehnsessel. „Hanna, Du mußt anzünden und ich muß laufen, um die Schul nicht ganz zu versäumen." Damit eilt Benjamin fort und Hanna säumt nicht, der Mahnung des Gatten zu entsprechen, und nach einander flammen sie empor die sieben Flammen an der blinkenden Messinglampe, die von der Decke des Zimmers über den eichenen Tisch herniederhängt; und als sie den Segen über die Lichter gesprochen, tritt sie wieder zu dem Unglücklichen, der mit halb geschlossenen Augen im Sessel lehnt. „Simon, Simon, mein Bruder, was ist mit Dir geschehen? — was ist Dir?" Er richtet sich mühsam auf und schaut sie voll und innig an. „Gott hat mich gestraft," erwidert er endlich mit tiefem Seufzer, „schwer und hart gestraft, aber meine Sünde war doch noch schwerer als meine Strafe, denn ich Hab' Ihn verleugnet — und was ich Dir gethan!" „Mir hast Du nur Gutes und Liebes gethan," fiel Hanna ein. Er schüttelt den Kopf, aber er widerspricht nicht. „Willst Du mir ein Siddur geben? ich möchte beten." Erstaunt reichte sie ihm das Verlangte, sie hatte ihn noch niemals beten sehen, aber sie hatte ihn auch nur in seinem Glücke gekannt. Lange ist es ihm treu geblieben, dieses sogenannte Glück, viele, viele Jahre hindurch hat er der Gunst seines Fürsten sich erfreut, und wenn sie ihn auch nicht vollständig zu trösten vermochte über das, was er in feinem Innern Hannas Undank, ihre Treulosigkeit zu nennen pflegte, so hatte sie ihn doch aufrecht erhalten inmitten seiner Feinde und Neider den stolzen Fürstengünstling. — Doch endlich schlug auch seine Stunde. Vor zwei Jahren war es. Simon befand sich eben auf einer Geschäftsreise im Auftrag seines Herrn, als dieser auf der Jagd mit dem Pferde stürzte. Am Begräbnißtage des Fürsten erreichte Simon die Heimath, doch er konnte am Begräbniß seines Gönners sich nicht betheiligen, denn schon am Stadtthor warteten seiner die Häscher. Mit dem Tode des Fürsten hatte er allen Halt verloren; der Nachfolger seines Gönners war sein geschworener Feind. Man beschuldigte ihn der unsinnigsten -Verbrechen, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, sich zu vertheidigen, und Niemand nahm sich seiner an, denn der hochmüthige Hofjude hatte auch nicht einen Freund. Nahezu zwei Jahre schmachtete er in feuchtem finsteren Kerker. Doch so sehr er anfangs raste und tobte, allmählich, ganz allmählich begann eS in des Kerkers finsterer Nacht für ihn zu tagen. Tief unter der Erde, in feuchtem Keller, verlassen von Allen, die während der Periode seiner Macht ihn umschmeichelt, wand sich der Unglückliche auf faulendem! Stroh in namenlosen Qualen. Vor seinem innern Auge zogen vorüber die Jahre seines Glanzes und sein ganzes vergangenes Leben. Er gedachte jenes Tages, da Hanna ihre Hand ihm verheißen, wenn er offen zurückkehren würde zum Glauben seiner Väter. Er gedachte jenes Abends, da Leah in ihn gedrungen, dem Glauben der Väter treu zu bleiben und freudig Heimath und Vermögen für ihn zu opfern — was hätte er jetzt darum gegeben, hätte er damals ihrer Mahnung Folge geleistet! — Und endlich gedachte er jener entsetzlichen Stunde, da er die so heiß Geliebte dem Tode hatte entgegeneilen sehen — noch war es ihm als hörte er die letzten Worte jenes herrlichen Mädchens, noch tönte ihre laute jubilirende Stimme in sein Ohr: „Höre Israel! der Ewige unser Gott! der Ewige ist ein einziges ewiges Wesen" — und seit vielen vielen Jahren zum erstenmale. ihm selber fast unbewußt flüsterten seine bleichen Lippen „Höre Israel! der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist ein einziges ewiges Wesen." . , Und nun endlich, endlich fiel es wie Schuppen von seinen Augen, er erkannte sein verfehltes Leben in seiner ganzen entsetzlichen Lüge, und seit diesem Moment wich die Verzweiflung aus feinem Herzen; denn nun erkannte, er hell und klar in dem furchtbaren Unglück, das ihn getroffen, die gerechte Strafe des Allgerechten. Monde schwanden dahin, er litt unsäglich, doch er murrte nicht. In bitterer Reue, aber ohne Klage ertrug er sein hartes Geschick; ohne Hoffnung auf zeitliche Erlösung sah er in vollem Vertrauen auf die Gnade des Allbarmherzigen seiner Auflösung entgegen. Doch hier auf Erden noch sollte die Stunde seiner Befreiung schlagen. Friedrich von Waldensee, der edle Jüngling, hatte das hochherzige Mädchen, da« um ihres Glaubens willen ihrer Liebe entsagt, nimmer vergessen. Er hatte für ihren Bruder keine Sympathie, aber er konnte den Gedanken nicht ertragen, ihn im Kerker zu wissen. Ohne, daß Simon eine Ahnung davon hatte, hatte er sich wiederholt beim Fürsten für seine Befreiung verwendet und endlich war es ihm geglückt, sie zu erlangen. Voller Freude eilte er selbst zu dem Unglücklichen, die frohe Nachricht ihm zu überbringen. Simon glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als der Ritter zu ihm trat und wußte im ersten Momen^