Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1877)
- Date
- 1877-07-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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705 Feuilleton. Der Köuiglichr Resident. (Eine historische Erzählung.) XXXII. Wenn Du, lieber Leser, einmal von Dresden nach Prag reisest, so wirst Du entzückt sein von der überaus schönen Gegend, durch welche Dein Weg Dich führt, eine Gegend, der man den Namen „die sächsische Schweiz" gegeben hat. Die Bergabhänge an den Ufern der Elbe sind mit Landhäusern bedeckt oder mit Weinreben bepflanzt. Bald werden die Berge höher, steiler, und der bedeutendste, am Eingänge der Sächsischen Schweiz, hoch die Elbe überragend, ist der Königslein. Es ist ein fast senkrecht stehender Sandsteinfelsen, 1600 Fuß höher als das Bett der Elbe. Oben ist der Felsen abgeplattet, und auf der, eine halbe Stunde im Umfang habenden Fläche ist die Bergfeste gebaut. Es ist einer der schönsten Punkte und von den Wällen genießt man die herrlichste Aussicht auf die zwölf Felskegel, welche die Sächsische Schwerz bilden, auf die Elbe tief unten und auf die schöne, fruchtreiche Ebene, mit Dörfern und Städten besäet. Aber auf diesem schönen Fleck Erde hat schon viel Elend gewohnt; der Königstein, eine starke, uneinnehmbare Festung, dient zugleich als Staatsgefängniß. Hier schmachteten, ihrer Freiheit beraubt, viele vornehme Herren; gar Mancher wurde hier enthauptet oder gab sich in der Verzweiflung selbst den Tod. Auch mancher Bekannte aus unserer Erzählung vertrauerte hier viele Jahre seines Lebens, so der Großkanzler Graf Beichlingen, die Prinzen Jakob und Constantin Sobiesky; auch Böttger, der vermeintliche Goldmacher, wurde, als er nicht Gold zu machen verstand, hier eingesperrt, bis man ihn wieder freiließ und er dann die Bereitung des Porzellans erfand. An alle diese Dinge dachte Johann nicht, als er den Berg hinaufritt,'nicht an die Schönheit der Gegend, nicht an die reiche Geschichte des Platzes. Es waren ganz andere Bilder, die seine Phantasie beschäftigten. Der Gedanke an den Räuberhauptmann Lips Tullian und seine Spießgenossen, deren Geister Johann gestern ächzen zu hören vermeint hatte, verließ ihn nicht. Alle Augenvlick fühlte er an seinen Hals, ob nicht der Strick des Henkers daran sich befinde. Als aber sein Pferd mühsam die letzte und steilste Höhe erklomm, da mußte er seine ganze Aufmerksamkeit dem Pfade zuwenden. Endlich kam er an Den Graben vor der äußeren Umwallung; die Brücke, die über denselben führte, war emporgezogen. Jenseits des Grabens schaute ein Wächter aus einem Häuschen hervor. „Was will Er?".fragte der Wächter. „„Ein Kabinetsbefehl Seiner Majestät des Königs!"" rief Johann, den Brief aus der Tasche ziehend und denselben emporhaltend. Rasselnd fiel die Zugbrücke hernieder; Johann ritt hinüber. Der Wächter zog die Brücke hinter ihm wieder empor und besah dann das Schreibe». „Reit' Er weiter," sagte er dann. Noch vielemal wurde Johann angehalten und erhielt stets dieselbe Antwort. Endlich kam er an die Pforte des Schlosses und wurde, nachdem er vom Pferde gestiegen, zu dem Commandanten geführt. Dieser nahm den Brief, las die Aufschrift, besah das Siegel und fragte, noch ehss er den Brief erbrach, den Ueberbringer: „Wie heißt Er?" „„Johann Lüddeke aus Gernrode am Harz."" „Was ist Er?" „„Diener beim Königlichen Residenten Behrend Lehmann."" „Ah, ich kenne Seinen Herrn, hatte einstmal Gelegenheit, ihm gefällig zu sein in Bialeh in Polen; aber Sein Herr scheint mich vergessen zu haben. Damals hatte ich meine gesunden Gliedmaßen noch." Der Commandant betrachtete wehmüthig sein hölzernes Bein. Dann erbrach er den Brief. Als er ihn gelesen hatte, betrachtete er den Diener mit eigentümlichen Blicken. Der Brief lautete: „An den Oberstlieutenant von Crux, den Com- Mandanten der Festung Königstein! „Ich, Sein König, befehle Ihm, den Ueberbringer dieses Schreibens sofort ohne viel Federlesens vom Leben zum Tode zu befördern. Lasse Er sich durch keinerlei Ausreden und Proteste, durch keinerlei Unschuldsbetheuerungen, durch keinerlei Versicherung, es müsse ein Jrrthum obwalten oder dergleichen, beirren. Sein wohlaffectionirter König Augustus Rex. Gegeben in unserem Schlosse zu Dresden am Sonntage, den 22. Februarii anni currentis." „Johann Lüddeke," sagte der Oberstlieutenant, „was hat Er verbrochen?" „„Gnädigster Herr, ich verstehe Euch nicht."" „So weiß Er nicht, daß Er sterben muß?" Johann erblaßte. „„Ster . . . ster . . . ben?"" stammelte er. „Jawohl, sterben! Der König befiehlt mir, Ihn ohne viel Federlesens vom Leben zum Tode bringen zu lassen."