Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1877)
- Date
- 1877-07-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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706 Johann sank in die Knie. „„Gnädigster Herr,"" schrie er, „„ich bin unschuldig; es muß da ein Jrrthum obwalten."" „Der König schreibt, ich solle mich durch derlei Betheuerungen nicht beirren lassen." „„Sterben, sterben, es kann ja nicht sein!"" „Und doch wird es sein. Welche Todesart wird Er vorziehen? Soll ich Ihn hängen lassen?" „ „£), gnädigster Herr, nur das nicht, nur nicht hängen!"" „So werde ich Ihn köpfen lassen!" ,,„O, ich bitte, Herr Commandant, nicht köpfen, nur nicht köpfen!"" „Na, ich kann Ihn doch nicht erschießen lassen? Das ist eine Todesart, die sich nur für Soldaten schickt. Doch, weil Er solche einen dorror vor dem Henken und dem Köpfen hat, so mag es darum sein, so will ich Ihn erschießen lassen." „ „O, gnädigster Herr, nur das nicht, nur nicht erschießen!"" „Ist Er des Teufels, Kerl! Ich kann Ihn doch hier auf dem Königstein, wo wir immerwährend Wassermangel haben, nicht ersäufen lassen!" „„Nein, nein, nicht ersäufen!"" „Na, da soll ich wohl Seinetwegen eine ganz neue TodeSart erfinden. Na, meinetwegen auch das. Wir stellen ein FLßchen Pulver in's Freie, Er setzt sich darauf, und wir zünden es an." „„Gnade, gnädigster Herr, Gnade!"" „Sei Er kein Narr; ich kann Ihn nicht begnadigen. Der König hat Ihn zum Tode verurtheilt; da läßt sich nichts daran ändern." Der Commandant öffnete die Thüre. „Vördtmann!" rief er. Eine Ordonnanz erschien. „Sage Er dem Unteroffizier Busch, er solle sofort zehn Mann Scharfschützen im Hofe aufstellen und scharf, laden lassen. Eine Execution soll stattsinden. Drei Mann sollen sogleich hierherkommen und den Delinquenten hinausführen." „„So muß ich denn sterben!"" jammerte Johann. „„O, gnädigster Herr Commandant, lasset einen Geistlichen kommen, der mich begleite und mir Muth einspreche!"" „Das thäte ich gern; allein das hat seine Schwierigkeiten; da müßte ich erst hinunter in den Ort Königstein schicken, um einen Geistlichen holen zu lassen. Das gäbe einen Aufschub von mehr als zwei Stunden, und das wäre gegen des Königausdrücklichen Befehl." „ „Gnädigster Herr, gönnt mir den Aufschub! Wenigstens bis morgen, bis mein Herr kömmt, der wird Alles aufklären. Es muß ein Jrrthum stattfinden; ich sollte ja den Brief gar nicht übergeben, sondern mein Herr. Warum soll mich der König erschießen lassen? Ich habe dem Könige nie etwas zu Leide gethan."" Der Commandant antwortete nicht; die drei befohlenen Soldaten erschienen und führten den widerstrebenden Diener mit Gewalt in den Schloßhof, wo die Scharfschützen bereits aufgestellt waren. Man wollte den Unglücklichen an einen Baum binden. „Herr Commandant," schrie er, „lasten Sie mich zuvor meine Sünden bekennen." Der Commandant nickte zustimmend. Die Soldaten ließen den Verurtheilten los, und dieser sank in die Knie. „Ich bin ein arger Sünder," sagte er schluchzend, „und verdiene den Tod. Ich habe meinen Herrn bestohlen, wo ich nur konnte. Auf seinen vielen Reisen habe ich ihm bald dies, bald das entwendet und verkauft und habe den Erlös vertrunken und verspielt. Und mein Herr war doch so gut gegen mich! Meine arme alte Mutter in Gernrode hat er vollständig versorgt. Am Schlimmsten habe ich meinem Herrn in Braunschweig mitgespielt, wo ich eine Diebesbande in sein Zimmer geführt, die ihm dann viel Geld, einen Pelzrock und eine kostbare Tabaksdose gestohlen. Das Geld hat er zwar wieder bekommen, nicht aber die andern Sachen. Und mein guter, edler Herr hat sich noch für die Freilassung der Diebe verwendet. Ach, er wird auch mir verzeihen, wenn er mein trauriges Schicksal erfährt. Ich bitte, Herr Commandant, sagt meinem Herrn, daß er meine arme Mutter nicht verlasse. Gott sei mir Sünder gnädig!" Er konnte nicht weiter sprechen; Thränen erstickten seine Stimme. Dann stand er auf; die Soldaten wollten ihn an einen Baum binden; er aber sagte, eS sei nicht nöthig; er würde schon festftehen. Dann legte man ihm eine Binde um die Augen. Das Commando erscholl, die Schüsse krachten, und Johann stürzte röchelnd zu Boden. Nach wenigen Minuten hatte er ausgeathmet; dann wurde die Leiche auf dem Anger vor dem Thore der Festung verscharrt. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. Z. Goltsleben's Buchbruckcrri in Mainz (Mainzer Anzeiger).