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Der Israelit · 1877-07-25 · Heft 30 (25.7.1877) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 30 (25.7.1877)
Date
1877-07-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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703 Behandlung des eigentlich religiösen Moments, diese ganze Art und Weise der Auffassung, welche der Gegenstand des obligatorischen Religionsunterrichts bis jetzt gefunden hat, hätte die gesetzestreuen Mitunterzeichner der Petition zur Vorsicht mahnen müssen. Es ist überall etwas der Religion Unwürdiges, sie als Handlangerin für die Erreichung politischer oder anderer Zwecke zu mißbrauchen. Obwohl z. B. der Besitz einer gesunden Lunge etwas ganz Wünschenswerthes ist, so wäre es doch eine Blasphemie, das laute Beten zur Stärkung der Lungenflügel zu empfehlen, obwohl die Bienenzucht unter Umständen einen wichtigen Factor für den Wohlstand eines Landes ausmacht, so wäre es doch eine Selbst-Entweihung der Religion, welche den häufigen Gebrauch von Wachskerzen vorschreiben würde, um die Bienenzucht zu heben. Diese absichtlich aus den trivialsten Beispielen aufgestellten Sätze, deren Richtigkeit wohl Niemand bestreitet, auf den jüdischen obligatorischen Religionsunterricht angewandt, bedeuten: Einmal zugegeben, durch den obligatorischen Religionsunterricht würden unsere Kinder wieder Interesse und Liebe zur Thora, zum Worte Gottes, wie es uns schriftlich und mündlich überantwortet ist, erlangen, angenommen, es würde nicht jüdische Religion, es würde der Geist der Thora wieder lebendig werden in den Geistern und Gemüthern unserer Kleinen und Großen, dürften wir dann Thora lernen, deßhalb unsere Kinder Thora lernen lassen, damit dieser Gegenstand Aufnahme unter die Gegenstände der Abiturientenprüfung finde, damit die jüdischen Beamten dem Staate gegenüber ein sicheres Creditiv über ihre religiöse Bildung besitzen, damit man auf die eine oder andere Weise das Judenthum oder vielmehr die Juden nicht mehr zurücksetze oder für zurückgesetzt halte? Wäre das min? Hätte man die Thora dann nicht zum Grabscheidt herabgewürdigt, und dürfte man je die Thora als Grabscheidt gebrauchen, selbst wenn es sich wirklich, wie man vorgibt, um die letzte Scholle handelte, welche die konfessionelle Kluft ausfüllen soll? — Diese Erwägungen hätten doch wohl die gesetzestreuen Mitunterzeichner der Petition in Betracht ziehen müssen, bevor sie einen Gegenstand gemeinschaftlich mit Männern vertraten, mit denen sie doch sonst so wenig gemein haben. (Fortsetzung folgt.) Zeitrr«gsnachvichten und Corresponderrzen. Deutschland. Paderborn, 15. Juli. n'sis : 'vp ns ns» Heute wurde die sterbliche Hülle der Gründerin und Stifterin des israel. Waisenhauses für Westphalen und Rheinland zu Grabe getragen. Ihre Freunde und Verehrer waren auf die erfolgte Traueranzeige hin von allen Seiten herbeigeeilt, um die Heimgegangene auf ihrem letzten Gange zu begleiten. Ein reiches Geistes- und Thatenleben fand hier seinen Abschluß. Fanny Nathan wurde am 2. Mai 1803 zu Paderborn geboren. Nachdem sie die ersten Jagendjahre in ihrer Heimath verlebt, führte sie ihr Geschick nach Frankfurt , wo das bewegte Leben einer großen Stadt und der Verkehr mit liebenswürdigen und bedeutenden Menschen auf ihr eindrucksfähiges Gemüth von großem Einfluß war. Noch ahnte sie nicht, daß die hier angeknüpften Beziehungen den Grundstein zu dem größten Werke ihres Lebens bilden sollten. Früh der Eltern beraubt, und auf ihre eigene Thätigkeit angewiesen, errichtete sie nach ihrer Rückkehr in die Heimath ein Mädchen-Pensionat, dem bald die ersten israel. Familien Westphalens und Rheinlands ihre Töchter zuführten. 25 Jahre stand sie diesem Berufe in uermüdeter Thätigkeit vor; selbst hochgestellte Persönlichkeiten der nichtiüdischen Welt wurden die Gönner und Förderer ihres Instituts. In dieser Periode ihres Lebens eignete sie sich jene pädagogische Tüchtigkeit an, die für ihr späteres Wirken so unentbehrlich war. In einem Alter, wo für die meisten Menschen die Zeit des Handelns aufhört, im 53. Lebensjahre, ging sie an die Realisirung ihrer Lieblingsidee: nunmehr ihr Leben der ärmsten Kindheit, den verlassenen Waisen, zu weihen. Die Wege hiezu waren nicht gebahnt. Ohne alle pekuniären Mittel stand ihr kein anderes Capital zu Gebote, als ihre energische Willens - und Thatkraft, ihr Vertrauen auf Gott und auf die Barmherzigkeit der Menschen. Gleich ihrem großen Vorbilde, dem Stifter des Halle'schen Waisenhauses, Aug.H.Franke, reiste sie nun von Stadt zu Stadt, mit männlicher Entschlossenheit für ihre Sache wirkend, vor keinen Hindernissen und Mühseligkeiten zurückschreckend, durch ihre seltene Beredtsamkeit und ihre Begeiste*- rung die Herzen der Mensche» für ihre Waisen erwärmend. Am 4. März 1856 eröffnete sie ihre Anstalt mit zwei Waisenknaben, die sie zuerst in

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