Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1877)
- Date
- 1877-07-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XVIII. Jahrgang. Erste Beilage zu Nr. 89 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen Deutschland. Frankfurt a. M. Der bekannte Forscher auf dem Gebiete der jüdisch-deutschen Mundart, Herr vr. Ave-Lallemant in Lübeck, veröffentlichte in „der Gegenwart" einen Artikel über die Melodie des Liedes der „Schlacht von Pavia"*), welchem wir nachstehende Stellen entnehmen: „Beim Studium der jüdisch-deutschen Sprache, in welcher ein vom Laien ungeahnter Schatz von deutscher Volkspoesie und Prosa deponirt liegt, begegnet dem Leser-wiederholt die Ueberschrift: „Beniggun die Schlacht von Pavia" (vom hebräischen nagan, das Saitenspielrühren, wovon neginah, Saiteninstrument, Lied, Melodie), als Bezeichnung der Sangweise oder Melodie. So namentlich in dem von Elchonan Bar Awrohom in den unglücklichsten Knittelversen gedichteten „Vinzlied", welches den im Jahre 1614 zu Frankfurt a. M. vom Lebkuchenbäcker Vincenz Fettmilch und Consorten angestifteten Aufruhr, wie die schwere Bedrängniß und die empörende Mißhandlung der Juden dabei besingt. Der Titel des in 103 Strophen zu je acht Versen und in kläglichen Knittelversen behandelten Liedes lautet in buchstäblicher Uebertragung: Ein schön Lied, hübsch und bescheidlich. Für Weiber und Maidlich. Zu erkennen Gottes Kraft und Macht Wie der Schomer Jisroöl hat bei uns gewacht. Darum thut Hosch'em Jisborech loben. Der uns geniedert und wieder derhoben. Hab ich ein Niggun draufgebracht. Als wie von Pavia is die Schlacht. Außerdem steht nun Innen unmittelbar über dem (im Jahre 1648 zu Amsterdam gedruckten) Liede die schon erwähnte Bezeichnung: „Beniggun die Schlacht bei Pavia." Die gedachte Melodie, welche sich schon Georg von Frundsberg im Jahre 1526 Vorsingen ließ, muß also von 1525—1648 sehr volksthümlich gewesen sein, so daß öfter andere Texte auf sie gemacht worden sind. *) Bekanntlich fand die Schlacht bei Pavia am 24. Februar 1525 statt, und wurde in derselben der französische König Franz 1. vom Kaiser Karl V. geschlagen und gefangen genommen. Herr vr. Ave-Lallemant forderte schließlich dazu auf, nach der Originalmelodie zu forschen.. Herr Elias Ullmann, Actuar der israel Gemeinde zu Frankfurt a. M., theilt hierüber Folgendes mit: Bei dem, hauptsächlich durch den Lebkuchenbäcker Vincenz Fettmilch, als Haupträdelsführer, im August 1614, zu Frankfurt a. M. gestifteten Aufruhr wurden besonders die Juden auf Empörende Weise mißhandelt und aus der Stadt vertrieben, bald darauf aber, nach Niederwerfung des Aufruhrs, Achtung und Hinrichtung des Rädelsführers und seiner Genossen in feierlichem Aufzuge in die Stadt und in die Judengasse zurückgeführt. Bei dieser Gelegenheit dichtete Elkanan Bar Abraham Helen, mit dem Familiennamen Wertheimer, das bereits erwähnte „Vinzlied" oder „Vinzhanslied", welches zuerst 1648 zu Amsterdam und später 1696 zu Frankfurt a. M. (bei Joseph Trier) gedruckt wurde. Die Melodie der „Schlacht von Pavia" muß schon 1614 durchaus populär gewesen sein, denn sie machte sich sogar auch bei dem feierlichen Wiedereinzuge der Juden, unter dem Geleite von Soldaten mit fliegenden Fahnen und Trommeln und Pfeifen, bemerkbar. So nahm bei diesem Einzuge der Vorfahr der noch heute in Frankfurt angesessenen Familie Adler in seiner übersprudelnden Freude einem Trommelschläger Trommel und Schlägel weg und accompagnirte eigenhändig auf der Trommel die Melodie der „Schlacht bei Pavia" beim Einzuge in die Judengasse.*) Mit der merkwürdigen Treue, mit welcher das Judenthum seine Traditionen aufrecht erhält, ist auch die Melodie der „Schlacht bei Pavia" vom Judenthum in Frankfurt aufrecht erhalten worden. Nach der Rückkehr in die alte Frankfurter Heimath wurde von der dankbaren Gemeinde zur Erinnerung an die schwere Zeit der harten Bedrängniß ein Fasttag angeordnet, welchem sich unmittelbar ein Fest- und Freudentag — Binz-Purim — anschloß. An diesem zweiten Festtage wurde der erste Abschnitt des Morgengebetes nach der Melodie der „Schlacht bei Pavia" gesungen, und dies ist noch bis vor wenigen Jahren geschehen. Wie die Melodien fast aller jüdischen Gottesdienstgesänge *) Der Familie Adler wurde als c—; beim pn die oberste “Stufe vor dem cvip? pp als Auszeichnung eingeräumt.