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Der Israelit · 1877-07-18 · Heft 29 (18.7.1877) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 29 (18.7.1877)
Date
1877-07-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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677 Meisterschaft behandelt hat. die sich in dessen sämmtlichen Schriften ausgeprägt findet. „Religion" nennt man die Thora, jüd. Religion; bezeichnet doch dieser Name in allen übrigen Kreisen die Beziehung des Menschen zu seinem Gotte oder seinen Göttern, ist doch dieser Name in allen übrigen Kreisen mit Würde und Heiligkeit bekleidet; konnte man einen ehrwürdigern, heiligem Namen für die Thora finden? Und doch hat man mit diesem Namen das Wesen der Thora getödtet. So lange Menschen auf Erden athmen, hatten sie Religion. Der Heide, der seinen Fetisch anbetet, der Wilde, der sich seinen Gott aus Honigteig knetet und mitMenschrnblut bemalt, der Grieche, der ihn aus Gold und Elfenbein meißelt und lhm die Erfindung seiner Künste und die Uebung seiner galanten Laster andichtet , bis hinan zu den Bekennern der beiden Institutionen, die aus der Vermählung einiger Thoragedanken mit Vorgefundenen Vorstellungen und Begriffen im Kreise der Menschen sich erzeugt — alle diese hatten und haben Religion. Selbst der Gottesleugner, der Religionsvel achter hat noch vielleicht Religion; denn er leugnet vielleicht nur die Vorstellungen, die die übrigen Menschen von Gott haben, verachtet vielleicht nur die Religion, die er bei den übrigen Menschen vorhanden findet, oder vorhanden glaubt. Denn „ Religion" nennt man ja jede Vorstellung, dir Menschen sich von der Gottheit und von ihren Beziehungen zu dieser Gottheit gebildet haben und bilden. Die „Religionen" der Menschen sind daher menschliche Produkte, Erzeugnisse des menschlichen Geistes und Gemüthes, und darum gibi's eine Genesis, eine Entwickelungsgeschichte der Religion und Religionen, wie es eine Geschichte der Sprachen, der Künste und Wissenschaften gibt. Die Religion eines Volkes steigt und fällt mit den übrigen Culturstufen desselben. Die „Religion" bildet selbst nur einen Theil dieser Cultur, ja ist ganz eigentlich bedingt durch dieselbe. Je vernünftiger, je veredelter die Menschen, um so vernünftiger und edler wird ihre Vorstellung von der Gottheit und ihren Beziehungen zu derselben sein. Keine „Religion" kann daher bei ihrem Entstehen das Culturmaß des Volkes überragen, unter welchem sie entsteht, keine „Religion" in ihrem Beginn im vollendeten Widerspruch mit den Vorstellungen, Neigungen und Lebensansichten dieses Volkes stehen, keine „Religion" die Geister und Gemüther dieses Volkes erst zu sich erziehen; denn sie ist ja eben nur Gewächs aus dem Boden seines Geistes und Gemüthes; sie ist ja von der Culturstufe des Volkes bedingt und wird mit dessen Fort - und Rückschritten Schritt zu halten haben. Und die Thora, die nicht aus der Brust der Sterblichen entsprungen, die das Wort des Gottes des Himmels und der Erde an den Menschen ist, die von vorn herein so sehr die Culturstufe ihres Volkes überragte, daß sie seit den mehr als dreitausend Jahren ihres Daseins noch nie eine Zeit dieses Volkes gehabt, die ihr ganz adäquat gewesen, in welcher sie bereits ihre volle Vollendung und Wirklichkeit gefunden, die vielmehr das über Jahrtausende hinaus hochaufgesteckte Höheziel ist, zu welchem dieses Volk durch alle Gänge seines Geschickes in Mitte aller Völker erzogen werden soll, — die diese Mangelhaftigkeit und Erziehungsbedürftigkeit ihres Volkes von vornherein vorausgesetzt, ausgesprochen und voraus verkündet, — für deren Göttlichkeit und „Einzigkeit" nichts daher also ewig zeugt, als eben der fortgesetzte, wiederholte Abfall, die fortgesetzten, wiederholten Kämpfe, in welchen diese Thora die ganze erste Generation ihres Volkes den Untergang finden lassen, sich erst das jüngere Geschlecht zu ihrem Fortträger erwählen konnte und so auch noch heute fort und fort alle Geschlechter ihres Volkes überdauert und des künftigen Geschlechtes noch harret, das einst am Ziele der Tage für sie vollends reif dastehen wird — diese Thora, die daher von vornherein ihren außerm enschlichen Ursprung documentirt, die daher ke in e Entwickelung und keine Geschichte hat, deren Volk vielmehr allein eine Geschichte hat und dessen Geschichte eben nichts anderes ist, als die fortgesetzte Erziehung zu der unwandelbar ewigen Höhe dieser Thora, — „diese „Thora, die daher nichts gemein hat mit Allem, „was im Kreise der Menschen sonst mit dem Na- „men „Religion" bezeichnet wird, diese Thora sol- „len wir gleichwohl „Religion" nennen, und sie „mit diesem Namen in den Kreis menschengefchicht- „licher Erscheinungen, in die sie nicht gehört, ein- „reihen, und in deren Kreis man dann auch ihr „mit der. Frage begegnet: und du willst ewig dieselbe bleiben? alle Religionen verjüngen sich und „schreiten fort mit dem Fortschritt der Völker „und nur die jüdische Religion will starr und im- „mer die alte bleiben und sich den Ansichten einer „erleuchtetern Zeit nicht fügen?" Alle diese Fragen hätten Werth und Bedeutung, wenn die Thora „Religion der Juden", d. h. die Vorstellung wäre, welche die Juden einer gewissen Zeit von Gott und von den Beziehungen Der Menschen zu Gott gehabt. Alle diese Fragen sind aber gedankenlos und nichtig, weil die Thora einziges, ewiges Wort des einzigen, ewigen Gottes des Himmels und der Erde ist, und „nicht „die Vorstellung enthält, die die Juden einmal von „Gott und ihren Beziehungen zu ihm gehabt

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