Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1877)
- Date
- 1877-07-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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656 Daß eine Schrift, welche diese offenkundigen Thatsachen ignorirt und den tiefen Zwiespalt verkennt , der diesen schüchternen, mit Energie bekämpften Reformbestrebungen zu Grunde liegr, daß eine solche Schrift den Bruch nicht heilen, ihn aber auch nicht erweitern wird, liegt auf der Hand. So wenig aber dieses Judenthum der Neuzeit unserem alten überlieferten Judenthum Abbruch zu thun verspricht, so gefährlich kann es nach einer anderen Seite hin der Judenheit und speciell der ungarischen Judenheit werden. Daß das „Judenthum der Neuzeit" als Folie für den Liberalismus in der Politik hingestellt wird, muß als ein nicht schwer genug zu rüaender Mißgriff getadelt werden. Wenn das im Schulhause zu Wieselburg vorgelesen wird, mag es ganz ungefährlich sei, aber es durch den Druck in einem Lande zu verbreiten, in welchem die Wogen des politischen Lebens so hoch gehen, und oft, besonders bei Wahlbewegungen, einen so acuten Charakter annehmen, das ist eine Unvorsichtigkeit, die unter Umständen zu großem Rischus führen kann. Die Juden nehmen in allen Theilen ihres ungarischen Vaterlandes thätigen Antheil an den potitischen Bestrebungen, aber nicht in ihrer Eigenschaft als Juden, sondern als ungarische Staatsbürger Sie theilen die Sympathien oder Antipathien der politischen Parteien, denen sie sich ihrer Ueberzeugung oder den localen Verhältnissen gemäß anschließen, ohne daß das religiöse Bekenntniß auch nur im Entferntesten davon berührt wird. Aber nun ein Judenthum der Neuzeit predigen, das den Liberalismus in der Politik als Dogma aufstellt, das heißt alle Anfeindungen, die der Liberalismus wie jede politische Partei erfährt, auf das Judenthum und seine Bekenner, die Juden, übertragen, und das sollte man so unnöthigerweise nirgends, am wenigsten aber in Ungarn, tfjmt. Ntwrib Im höchsten Grade unverantwortlich ist ferner die herausfordernde Art und Weise, mit welcher an vielen Stellen, besonders S. 24, über den Katholizismus und das Priesterthum desselben her-» gefallen wird. Was hat auch eine Beurtheilung und gar eine Verurtheilung des katholischen Priesterstandes in einer Abhandlung zu suchen, die den Verirrungen innerhalb des Judenthums entgegentreten will? Solche Angriffe auf das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Confessionen kennt das Judenthum der Altzeit allerdings nicht; es ist daher Pflicht jedes gebildeten Juden und besonders der jüdischen Presse, ein solches Gebühren zu desavouiren. Was die äußere Form dieser Vorlesungen betrifft, so entspricht dieselbe vollständig dem inneren Werth derselben. Das Judenthum der Neuzeit schreibt „eckelhaft" (S. 32), „Eckel" S. 11) und lebt auch sonst mit der deutschen Orthographie auf gespanntem Fuße. Als Stilprobe d?s neuzeitlichen Judenthums mag der folgende Satz gelten: „Soll Bildung und Erkenntniß festen Boden fassen, so muß die Rüstung der zu Schlachtgetümmel Gerüsteten, die in Blut getränkten Kriegsgewande vernichtet werden." (S. 13.) —n— Zeituugsnachrichlen und Correspondenzen. Frankreich. Hannover. Von jeher war es Sitte in Israel, daß einem Rabbiner das Recht zustand, Mitglieder der Gemeinde, die sich irgend vergangen haben, vor sein Forum zu laden. daß sie sich Wegen ihres Vergehens vertheiöigen. selbst ein Gemeindevorsteher mußte dem Rabbiner Rede stehen; heutzutage hat sich das Blättchen gewendet, die Rollen sind gewechselt und ein Vorsteher fordert den Rabbiner auf, vor einer Gemeindeversammlung zu erscheinen, um sich wegen seiner Thaten zu verantworten. In unserer Nachbarstadt Hildesheim hatte der Vorstand der jüdischen Gemeinde, ohne vorher mit dem Rabbiner Rücksprache zu nehmen, eine Petition an die Minister ei.ngesandt, um den Religionsunterricht für obligatorisch zu erklären. Der Rabbiner jedoch war mit diesem Vorgehen sehr unzufrieden, da Verhandlungen über Religionsangelegenheiten ihm, dem Rabbiner, als Wächter derselben zukämen. Er rügte daher ganz offen und frei, ohne Rücksicht, in einer Predigt das eigenmächtige Vorgehen des Vorstandes, wodurch derselbe sich sehr verletzt fühlte. Um seine Achtung zu wahren, berief der Vorstand eine Gemeindeversammlung und der Rabbiner wurde vor dieselbe citirt. Dieser fügte sich in das Unvermeidliche und erschien zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle. Nachdem die Anklageacte vorgelesen waren, erhob sich der Rabbiner und hielt eine kräftige, schwungvolle Rede, in der er allen Zuhörern, die zugleich als Richter fungirten, klar und überzeugend nachwies, daß das Unrecht nicht auf seiner Seite sei, sondern auf Seiten des Vorstandes, denn, sagte er, abgesehen davon, daß wir in unserer Provinz, wo obligatorischer Unterricht noch gesetzlich besteht, einer solchen Begünstigung gar nicht bedürfen, sei die gewünschte Gewährung der Petition vom zweifachen Nachtheile. Nach dem hannoverschen Gesetze liegt der Unterricht ganz in den Händen des Rabbiners, der ihn auf sechs Stunden wöchentlich festsetzte.