Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1877)
- Date
- 1877-07-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XVIII. Jahrgang. Erste Seilage;» tlr. 28 des Israelit. Leitender Artikel. Merarischer Bericht. nnm nyn Das Judenthum der Neuzeit. Vorlesungen, gehalten im Schulhause der Israel. Gemeinde zu Wieselburg von Di*. H. L. Reich, Oberrabbiner. I—V. Zweite Auflage. Wien 1877. Winters Verlag. Ein wunderliches Geistesproduct wird uns auf den 32 Octavseiten des vorliegenden Schriftchens, als Judenthum der Neuzeit, vorgeführt, das außer dem Herrn Verfasser wohl wenig Anhänger finden wird. Vier Fünftel der fünf Vorlesungen verbreiten sich über das schon vielfach behandelte Thema von der Verbindung zwischen Bildung und Religion, von der Nothwendigkeit des Kampfes zur Erlangung des Friedens, und der hierbei gebotenen Mäßigung, welchen Ausführungen sich dann eine Glorification des politischen Liberalismus als im Judenthum der Neuzeit begründet anschließt. Im letzten und fünften Theil zeigt sich erst der Pferdefuß. Die allgemeine Natur der bis dahin hesprochenen Themata läßt uns über die religiöse Richtung des Lehrers des JudenthumS der Neuzeit im Zweifel. Im letzten Capitel. das von der Verwirrung im Judenthum und speciell im ungarischen Judenthum (soll wohl Judenheit heißen, wenn nicht etwa das Judenthum der Neuzeit in so viele Judenthümer zerfällt als es Staaten gibt) handelt, zeigt sich zur Genüge, weß Geistes Kind das „Judenthum der Neuzeit" ist. „So ist der Zwiespalt im Judenthum meist nichtssagender Formen wegen. Hat derselbe es nöthig, seinen Schwerpunkt auf Regelung des eitelen Cermoniells zu legen?-DerMosaismus imponirt und flößt Achtung ein seines göttlichen Gehaltes wegen rc. (S. 29). — Die einen sehen die zeitgemäße Regeneration in bethürmten Prachttempeln, in steifen Ornat und eckigen Mützen, geschulten Chor Und geordneten Bänken; die andern jammern und weinen ob solch nichtjüdifcher Formen im jüdischen Cultus und wünschen die gute alte Zeit herbei, in der man in kellerähnliche Räume Hinabstieg, um sein Herz im Gebete zu erleichtern. Und man erlebte das traurige Schauspiel, daß Corporationen und Gemeinden, die früher in schönster Eintracht gelebt und ge strebt, nun in Parteien zerklüftet, das Bild der schmachvollsten Zerwürfniß bieten, weil fie sich über die Beantwortung z. B. der Dinge, ob der Vorbeter eine runde oder eckige Mütze, oder ob die sogenannten Mizwoth per Ausrufung oder durch Täfelchen versteigert werden sollten, nicht einigen konnten!! Als wäre das Judenthum noch in Kinderschuhen!!" (S. 31.) Diese wenigen Sätze Dürften zur Charakterisirung des uns vorliegenden Evangeliums des neuzeitlichen JudenthumS genügen. Wer in der That glauben kann, der Zwiespalt, welcher die Bekenner des Judenthums so weit von einander klüftet, beschränke sich auf das, was der Verfasser nichtssagende Formen und eitles Cermoniell nennt, der kennt die Tiefe der Kluft nicht, die durch Vorlesungen hier ausgefüllt werden soll. Mögen die zeitgemäßen Regenatoren des Judenthums in der Befriedigung ihrer Sympatien für Prachttempel, Ornat und eckige Mützen das Ideal ihrer Regeneration feiern, aber möge sich der Herr Oberrabbiner bewußt bleiben, daß diejenigen, welche sich in richtiger Würdigung des principiis obsta diesem Firlefanz widersetzten und widersetzen, nicht von einer Sehnsucht nach kellerähnlichen Räumen dazu bestimmt wurden. An der Form der Mützen, an der Zahl ihrer Ecken, an der Steifheit des Ornats, an allen diesen Dingen an und für sich hat noch nie ein vernünftiger Mensch Anstoß genommen. Wenn aber diese an und für sich nebensächlichen Formen deßhalb die bisherigen verdrängen sollen, weil man durch diese äußeren Förmlichkeiten einen nichtjüdischen CultuS ausgesprochener- oder unausgesprochenermaßen nachäffen will, so sollte man doch diejenigen, welche diese Veruvjüdischung unserer Heiliglhümer in ihren harmlos scheinenden Anfängen bekämpfen, nicht mit jenen Regenatoren oder richtiger Reformern ohne Weiteres in eine Categorie stellen und ihnen, wenn man ihnen sonst nichts nach sagen kann, eine Vorliebe für kellerähnliche Raume einreden wollen. Man vergleiche hierüber n"o nun’: jtoj n"n? 'rr n"N 'n und die diesbezüglichen lichtvollen Abhandlungen in D’jnon nt>ino, woselbst ausführlich nachgewiesen ist, daß alle diese Neuerungen an und für sich durchaus nicht ungesetzlich sind, daß sie es aber alle werden , wenn sie in der Absicht geschehen, cun npm in unseren Cultus einzuschmuggeln.