Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-07-11 · Heft 28 (11.7.1877) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 28 (11.7.1877)
Date
1877-07-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447723--13874-2469760
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

654 Und siehe, der Bettler war schon da, als Afarjah nach Hanse zurückkehrte. Er traf in der Flur deS Judenhauses einen jüdischen Mann in zerlumpter Kleidung. „Was wollt Ihr?" fragte ihn Afarjah. „„Ach, Herr,"" entgegnete der Arme, „„ich möchte den gnädigen Herrn Residenten sprechen. Aber man will mich nicht vor ihn lassen; er will verreisen, hat man mir gesagt."" „Was wollt Ihr von dem Residenten? Ein Almosen, Geld?" „„Ach nein, Herr. Zwar könnte ich Geld auch sehr gut gebrauchen; aber das ist nicht der Zweck, weßhalb ich den gnädigen Herrn Residenten sprechen will."" „Kommt mit in mein Zimmer, Freund, und wenn ich Euch helfen kann, so soll es geschehen." Afarjah ging zunächst in die Küche und bestellte das Frühstück für sich und den Fremden auf fein Zimmer. Das Frühstück bestand — Kaffee war zu jener Zeit in Deutsäland noch unbekannt — aus Brod «nd warmem Bier. Die Beiden wuschen sich die Hände, und brockten dann das Brod in das dampfende Bier. „Ach. dos thut wohl," sagte der Fremde, „ich bin die ganze Nacht gewandert und da ist mir's kalt geworden. Meine Kleidung ist auch nicht dazu angethan, die Kälte abzuhalten." Nachdem der Hunger gestillt war, forderte Afarjah den Fremden auf, sein Anliegen vorzutragen. „Ich heiße Löb," sagte der Fremde, „und habe früher in Rieneck im Würzburgischcn gewohnt. Da hat mein Dienstmädchen am Charfreitage einen Eimer Wasser holen wollen; aber der Gastwirth, vor dessen Hause der Brunnen sich befindet, nahm ihr unter Schelten den Eimer weg. Mein jüngerer Bruder begab sich zu dem Gastwirth, um den Eimer wieder zu erhalten; der Gastwirth hielt den Knaben fest, um ihn zu kreuzigen. Ich war nicht zu Hause gewesen. Als ich nach Hause kam und das Schreckliche hörte, lief ich den weiten Weg «ach Würzburg, um Hilfe für meinen armen Bruder zu requiriren. Der Fürstbischof sandte eine Compagnie Soldaten, die den Wirth und seine Söhne gefangen wegführten. Für meinen Bruder war es zu spät; das arme Kind war derart mißbandelt worden, daß es noch an demselben Tage starb. Der Wirth wurde zum Tode verurtheilt und gehängt; an demselben Tage demolirte der Pöbel mein Haus, und ich durfte noch von Glück sagen, daß ich mit meinem Weibe entfliehen konnte." „„Schrecklich."" „Seitdem durchziehe ich als Bettler das Land. Da hörte ich in Böhmen, daß Rabbi Bärmann io vielen Heimathlosen schon ein Asyl in Halberstadt verschafft habe. Da wollte ich nach Halberstadt ziehen. Nun aber hat mir mein Weib in Waldenburg einen Sohn geboren. Die arme Fra« war sehr krank, und ich konnte sie nicht verlassen. Jetzt aber geht's ihr besser. Da bin ich die ganze Nacht durchgewandert, um Rabbi Bärmann zü bitten, das Kind zu beschneiden. Jetzt höre ich, er will verreisen, und weit und breit ist doch kein anderer Mohel. *)" „„Wann ist das Kind geboren?"" „Vorigen Donnerstag." „„Also ist übermorgen die Briß Miloh." " **) Afarjah saß nachdenkend da; ein Gedanke beschäftigte ihn: vielleicht war dieser Bettler ein Gott-gesandter Bote, seinen Herrn zu retten. „Hört," sagte er, „wenn Ihr sagt, daß die Briß Miloh Donnerstag ist, so geht mein Herr nicht mit Euch; denn er muß Mittwoch auf dem Königstein sein und von da weiter reisen. Wißt Ihr was? Sagt, die Briß Miloh sei Mittwoch. Habt Ihr ihn erst in Waldenburg, so könnt Ihr ihn leicht bestimmen, bis Donnerstag zu warten." Afarjah führte den Fremden zü seinem Herrn. „Rabbi Bärmann/' sagte er, „die Frau dieses Mannes liegt in Waldenburg; sie hat ein Söhnchen geboren; morgen ist die Briß Miloh, und weit und breit ist kein Mohel zu haben. Ihr könntet heute nach Waldenburg reiten, morgen früh den Briß vornehmen und dennoch bei Zeiten auf dem Königslein sein." Der Resident besann sich eine kleine Weile. Dann nahm er fünf Ducaten, schenkte sie dem Manne und ließ sich genau das Wirthshaus bezeichnen, in welchem die Frau Unterkunft gefunden hatte. „Geht nach Haus," sagte er, „zu Eurem Weibe. Ich werde heule Abend noch bei Euch sein." *) beschnei der. **) Beschneidung. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaetion: Dt. Lehmann. — Verlag der Le Noux'schen Hofbuchhandlung. Z Gottsl eben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.