Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1877)
- Date
- 1877-07-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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625 Seidenraupe, die Spinnerei der Seide und die Fabrikation der Stoffe könnten eine sehr geeignete Beschäftigung für Personen jeden Alters und Geschlechts abgeben. Auch der Absatz der verfertigten Landesgebräuchlichen Artikel, ähnlich denen, die in Damascus, Beirut und anderen Städten Syriens fabricirt werden, würde nicht schwer fallen. Ferner könnte die von Sir Moses Monteffore eröffnete, aber bald wieder eingegange Leinweberei, die viel Gutes für die Zukunft versprach, unter guter Administration eine passende und einträgliche Beschäftigung für viele Personen werden. Nicht minder würde die Gründung eines mechanischen Institutes unter der Leitung eines europäischen Mechanikers sehr vortheilhafr sein. In einer solchen Anstalt würden junge Leute manche Handwerke, die in Jerusalem besonders lohnend sind, wie die des Tischlers, Drechslers, Schlossers u. s. w. gründlich erlernen und sich dadurch sicher ernähren können. Besonders aber könnten in dieser Anstalt verschiedene, zu religiösen und anderen Zwecken brauchbare Gegenstände aus dem schönen Olivenholze und manchen Steinarten verfertigt werden, die als Produkte des jüdischen Gewerbfieißes in Jerusalem ohne Zweifel bei Millionen der Glaubensgenossen die wärmste Aufnahme finden würden. Die Denkweise der jüdischen Bewohner Jerusalems legt der praktischen Ausführung dieser Vorschläge durchaus kein Hinderniß in den Weg. Alle ohne Ausnahme sehnen sich nach einer Aenderung der gegenwärtigen Verhältnisse und wünschen einen größeren Wirkungskreis, der ihnen die Möglichkeit gäbe, durch eignen Fleiß sich ihre Lebensbedürfnisse zu verdienen und sich so von auswärtiger Hilfe zu emancipiren. Eden so wenig sind sie durch ihre häufigen Andachtsübungen, zu welchen sie die anderorts dem Vergnügen gewidmete Zeit verwenden, an der Ausführung ihrer Berufsobliegenheiten verhindert. Man rügte ferner die Abneigung der Juden Jerusalems gegen die Gründung europäischer Schulen und gegen Bildung überhaupt. Dies beruht auf einer unrichtigen Auffassung ihrer Ansichten. Auf meine Frage an die Raddmen, warum sie ausländische Lehranstalten so sehr scheuten? erwiederten sie: „Wir fürchten nicht die Lehre, sondern die Lehrer." Sie erklärten, daß sie den Wissenschaften eben so wenig abgeneigt seien wie die großen Vorfahren, welche neben der Lehre der Thora auch das Studium profaner Wissenschaften gepflegt hätten; sie möchten aber nicht Wissenschaften auf Kosten der Religion erwerben. Dagegen wären sie bereit, ihre Kinder solchen Lehrern anzuver- Irauen, die eine Approbation von gleichgesinnten rabbinischen Autoritäten in Europa besäßen. Es ist übrigens begreiflich, daß die Juden in Jerusalem, die bekanntlich alles Weltliche, das mit der Religion nicht in Einklang zu bringen ist, dieser zum Opfer bringen, sich bestreben, diese traditionell religiöse Richtung der Väter ungeschmälert auf ihre Kinder zu vererben und daher eine Invasion neureligiöser Ideen, die Einfluß auf die Jugend ausüben könnten, fürchten. Was das gesellschaftliche Leben der Juden Jerusalems und' ihre mit der hohen Religiosität eng verknüpfte Sittlichkeit betrifft, so sind diese über jede Kritik erhaben. Nur einige wenige Beispiele werden genügen, dies zu bekräftigen. Die Wohlthätigkeit ist in Jerusalem überaus groß. Zahlreiche wohlthätige Vereine, unter denen der Verein für Krankenpflege, der für Bekleidung der Waisenkinder und der zum Verleihen kleiner Beträge an Arme sich besonders auszeichnen, sind unermüdlich in ihrem ersprießlichen Wirken, das sich auch auf Nichtmitgliecer der Vereine ausdehnt. Eben so geht das Streben der Privatleute, sogar unbemittelter dahin, den Dürftigen nach Kräften beizustehen; sie adoptiren Waisenkinder, statten arme Bräute aus, warten Kranke und reichen Nothleidenden jede mögliche Unterstützung. Gastfreundschaft wird allgemein mit zuvorkommender Bereitwilligkeit geübt. Alle Fremden, sowohl Festbesucher, Ole Regalim, die zu den großen Festen aus allen Städten des heiligen Landes nach Jerusalem Pilgern, als auch neu angekommene Ausländer finden für einige Zeit bei den Einwohnern, auch bei ganz unbekannten, unentgeltliche Aufnahme. Die Genügsamkeit der Juden in Jerusalem ist bewunderungswürdig. In Alles sich fügend sind sie mit einem einzigen, halb dunkeln, höchst dürftigen Stübchen zufrieden, wo sie ihr frugales Mahl, welches an Wochentagen gewöhnlich nur aus Vegetabilien besteht, auf einem Kohlenbecken von der Größe und Form eines Cylinderhutes bereiten. Ihre häuslichen Mobilien und hre Kleidung zeugen von gleicher Einfachheit und Dürftigkeit. So ertragen sie, nicht selten noch dazu von dem Mangel an gutem Wasser und kräftiger Nahrung, an Kohlen und solider Kleidung zur gehörigen Erwarmung während des Winters heimgesucht, diese Lebensweise mit frommer Ergebung in den göttlichen Willen und aus Liebe zu dem Lande der Väter. Auch die wohlhabenden Eingewanderten sind durch die Ortsverhältnisse genöthigt, ein einfaches Leben zu führen und vielen Genüssen und Bequemlichkeiten der Heimath zu entsagen. Wer diese Zustände an Ort und Stelle eine Zeit lang vorurtheilsfrei beobachtet hat, kann den Juden in Jerusalem — ich spreche von der Ge-