Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1877)
- Date
- 1877-07-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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624 Uonalhaß verblendeten alten Schriftstellern MoseS als Bacchus bezeichnet, weil man eine Rebe im Heiligthum des Tempels gefunden hatte; sie sprechen sich mit Abscheu über die Gottlosigkeit der Juden aus,Hveil man im Tempel nicht einmal ein Götterbild Mfffinden konnte; sie beklagen sich darüber, daß A les, was den Römern heilig, den Juden verhaßt sei, und dichten ihnen noch allerlei lächerliche Märchen an, die nur sonderbare Ausgeburten ihrer Vorurteile sind; so erzählen sie unter Anderem, daß die jüdischen Männer im heiligen Lande alle Monde einen Blutsiuß und ähnliche seltsame Eigenschaften hätten u. dergl. Wenn nun auch die Berichte der neuern Autoren nicht gleiche Erdichtungen wie die der alten enthalten, so trifft man doch in einzelnen der ersteren eine ähnliche Parteilichkeit an. Im Allgemeinen strotzen die Urtheile, welche die meisten Reisenden in ihren Schriften über die Juden in Jerusalem fällen, von so widersprechenden Unrichtigkeiten, daß es dem Fernstehenden schwer wird, sich ein klares Bild von den dortigen Zuständen zu verschaffen. Während der eine Reisende berichtet: „Die Juden sind reich und tragen sich aw Sonnabend besonders zierlich," sagt der andere: „Die Juden leben in Armuth und Schmutz." In dem einen Berichte findet man, daß die Juden sich 'durch Müssiggang auszeichnen; in einem andern liest man: „Der Jude ist geschäftig; er kramt auf einem wackelnden Steine Phantasiekram von so geringem Werthe aus, daß man darüber erstaunt; endlich verkauft er nur, um sich ein Stück Brod zu verschaffen, was er für ehrenwerther hält, als die Hand auszustrecken;" ein dritter sagt: „Hab- und Gewinnsucht befleckt die Juden in Jerusalem wie beinahe aller Orten;" oder: „Die Juden zeigen sich rührig, wo es darauf ankommt etwas zu verdienen;" oder auch: „Ganz gewiß bleibt der Jude von Jerusalem immer Jude und auch hier ist die Habsucht sein Abgott" u. f. w. Der Grund dieser unrichtigen Auffassung des Charakters der Juden in Jerusalem liegt bei denen, die von confes« sioneller oder anderer Parteilichkeit frei sind, hauptsächlich in der Unkenntniß der Sprachen und in der kurzen Dauer ihres Aufenthaltes, wodurch sie den Eingebungen Anderer zu folgen genöthigt sind. Von allen Jrrthümern, welche man verbreitet hat, ist der am häufigsten ausgesprochen worden, daß die Juden in Jerusalem Müßiggänger seien und nur von Almosen leben. Dem ist aber nicht so. Sie sind, wie bereits oben erwähnt, in ihrer großen Mehrheit Kaufleute, Inhaber kleiner Geschäfte und Handwerker in etwa vierzig Professionen, unter denen manche sehr anstrengende sind. Die jüdischen Handwerker sind als die zuverlässigsten und tüchtigsten allgemein in der Stadt bekannt. Diese Gewerbthätigkeit ist übrigens nicht neu. Schon in den dreißiger Jahren bemerkte von Schubert in seinem Werke (2. 554): „Es ist ganz unrichtig, daß die Juden ohne Handel und Gewerbe wären" ic. Daß die Minderheit nicht ihren ganzen Lebensunterhalt gewinnen kann und daher auf öffentliche Unterstützung angewiesen ist, liegt in den oben erwähnten eigenthümlichen Verhältnissen der Stadt, welche ihren nachtheiligen Einfluß auch auf die andern Einwohner ausüben und dieselben ebenfalls nöthigen, öffentliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist hier die geeignete Stelle, die Mittel zur Verbesserung der Lage der Israeliten in Jerusalem zu erörtern. Man hat schon viel darüber gesprochen und geschrieben, den Juden in J-rusalem Aecker zu kaufen, die sie selbst bearbeiten sollten , um auf diese Weise ihr Brod zu erwerben. Ackerbau ist ohne Zweifel eine für diesen Zweck passende Beschäftigung für den Armen, aber nicht für die Juden in Palästina unter den gegenwärtigen Verhältnissen. In civilisirten Staaten, wo vollkommene Sicherheit der Person und des Eigenthums herrscht und ein Jeder ruhig „unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum" sitzen kann, da mag der Israelit Wälder in Kornfelder umwandeln; aber soll der Jude im heiligen Lande den Pflug in die Hand nehmen und im Schweiße des Angesichtes das Feld für den plündernden Nachbar bebauen? Wer sichert ihm die Ernte auf dem Felde vor den räuberischen Arabern? Schon oft haben Europäer und Amerikaner Ackerbau zu treiben versucht, allein immer ohne günstigen Erfolg. Ueberdies eignet sich ein solcher Erwerbszweig nur für kräftige Männer, aber nicht für schwache und ältere Personen, wie es die meisten Juden in Jerusalem sind. Auch ist noch zu bedenken, daß die mosaischen Agriculturgesetze, als Feier des Landes im siebenten, Schemitah, im fünfzigsten, Jubeljahre u. s. w., zu welchen die jüdischen Einwohner des heiligen Landes noch immer verpflichtet sind, den Ackerbau, wenn auch nicht ganz hindern, so doch erschweren. Eine Verbesserung der Lage der Juden kann nur durch industrielle Einrichtungen erreicht werden. Unter diesen sieht der Seidenbau in erster Reihe. Die Cultur des Maulbeerbaums und die mit ihr verbundene Industrie des Seidengewinns macht den größten Reichthum von Syrien aus und ist die Basis des Levantehandels an den Gestaden des mitteländischen Meeres. Pflanzungen von Maulbeerbäumen wären sehr leicht in der nächsten Nähe der Stadt anzulegen, wie die Griechen bereits den Anfang gemacht Habens Die Zucht der