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Der Israelit · 1877-06-27 · Heft 26 (27.6.1877) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 26 (27.6.1877)
Date
1877-06-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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C09 Feuilleton. Aus dem Mittelalter. Von Friedrich Rott. xxr. Die alte Mirjam, in den letzten zehn Jahren gewöhnlich Marie genannt, war nicht wenig erstaunt, die junge elegante Dame in ihr unschein- , bares Stübchen eintreten zu sehen. Wohl war! Hannas Gegenwart in den Hütten der Armuth! keine Seltenheit, doch Mirjam gehörte nicht zu! jenen Dürftigen, die die Wohlthätigkeit der Reichen! in Anspruch nehmen, so kümmerlich sie auch mit - ihrer Enkelin von dem Verdienst der letzeren lebte. Hanna zögerte nicht, den Zweck ihres Kommens zu nennen. Die Augen der Alten füllten sich mit Thränen, sie streckte ihre welken Hände dem jungen Mädchen entgegen und versprach mit inniger Freude, ihrem Wunsche zu willfahren. Denn obgleich die kranke lahme Frau nicht den Muth besessen, ihr schmerzensreiches Leben für ihre Religion zu opfern, so schlug ihr Herz doch warm für den Glauben, den sie einst so schwach gewesen zu verleugnen; nie hatte sie sonst auch nur eines der jüdischen Gesetze übertreten und trotz Alter und Krankheit hatte sie seit zehn Jahren keine Fleischspeisen genossen und ihre Enkelin hatte sie erzogen als echte fromme Jüdin und es ihr zur Pflicht gemacht, gleich nach ihrem Tode das Land zu verlassen und Glaubensgenossen auszusuchen. Hanna hätte keine bereitwilligere und keine bessere Lehrerin treffen können. Mit einem Eifer, einer Lebhaftigkeit, wie man sie der gebrechlichen Alten nie zugetraut, machte sie das junge Mädchen bekannt mit der Geschichte und den Lehren ihres Volkes. Tagtäglich verbrachte Hanna mehrere Stunden in dem Hause der 'Akten und lauschte mit stets wachsendem Eifer den Worten der beredten Greisin. L>imon konnten diese langen häufigen Besuche kein Geheimniß bleiben; anfangs überlegte er, ob er sie ihr nicht wehren solle; doch bald glaubte er zu bemerken, daß Mirjams Unterweisungen auch seinen Bemühungen, den jungen Waldensee der Geliebten zu entfremden, nur fördern könne. In Hanna's Wesen war eine auffallende Acnderung vorgegangen; ihre frühere Heiterkeit war gewichen, gewichen die blühende Farbe ihrer Wangen. Doch das Feuer ihres dunkeln Auges glühte wie sonst und aus ihrer Haltung sprach Ernst und Entschlossenheit. I Treu ihrem Versprechen hatte sie sich an je-! nem Fenster nicht mehr blicken lassen und Friedrich! von Waldensee hiedurch in nicht geringe Unruhej und Aufregung versetzt Zu wiederholten Malen hatte er es bereits versucht, sie in ihrer Wohnung zu treffen, hatte jedoch unglücklicher Weise stets jene Zeit gewählt, die sie bei der alten Mirjam zuzubringen pflegte; war von Simon empfangen und mit kühlen Worten über das Befinden seiner Schwester beruhigt worden. Drei Wochen waren bereits verstrichen, seit die Liebenden sich nicht gesehen, als es Friedrich endlich glückte. Er hatte erfahren, daß Simon zum Fürsten beschieden und eilte zu versuchen, ob es ihm in Abwesenheit des Bruders eher gelingen werde, das Mädchen seines Herzens zu tr?ffen. Hanna preßte die Hand auf's Herz, als der Diener den Geliebten meldete; sie winkte nur, ihn einzulassen. Friedrich trat ein und der Diener, sich zurückziehend, schloß die Thür. „Hanna!" rief Friedrich mit dem Ausdruck der innigsten Liebe. Sie hatte sich erhoben, doch leichenblaß, an allen Gliedern bebend, war sie unfähig, auch nur einen Schritt ihm entgegenzugehen. „Hanna, meine Hanna, was ist geschehen, daß ich Deines Anblickes so lange entbehren mußte? warst Du krank?" fügte er besorgt hinzu. Sie schüttelte verneinend das Haupt. „Aber so sprich doch, sprich was ist geschehen, daß ich Dich so lange nicht gesehen? Du willst mir's nicht sagen? liebst Du mich denn nicht mehr?" Sie schaute zu ihm auf, so warm, so voll Liebe, daß er sich nicht mehr hielt; er schlang seinen Arm um sie und wollte sie an sich ziehen, doch sie entwand sich ihm sanft. „Nicht so, mein Friedrich, setze Dich hier an meine Seite und laß uns ruhig miteinander reden." „Du sprichst so feierlich, Geliebte, daß mir ganz Angst wird" entgegnete Friedrich sich zu ihr setzend, ,^doch sag' mir üur eins, liebst Du mich wirklich noch so, wie an jenem Tage, als es mir gelang, Dir das Geständniß Deiner Neigung zu entlocken?" „Friedrich! Dieser Zweifel!" — „Wenn er nicht berechtigt ist, warum wehrst Du denn meinen Armen, Dich zu umschlingen? „Weil — weil —" sie war noch bleicher geworden und hatte, ohne es zu wissen seine Hand gefaßt, die sie krampfhaft preßte.

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