Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1877)
- Date
- 1877-06-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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606 unb herrlich aufgeblühte Jeschibah in Halberstadt; mehr als stebenzig Jünglinge faßen zu den Füßen des Rabbiners und des Rabbi Mosch eh Brisk, und Tag und Nacht widerhallten die Straßen der Unterstadt vom Thoralernen. So in Gedanken versunken, achtete er seiner Umgebung kaum. Da trat Plötzlich ein Mensch in der Livree eines Jägers auf ihn zu und schrie: «Jude, mach Moritz!!" Das war eine Formel, mit welcher der Pöbel im vorigen Jahrhundert die Juden zu verhöhnen pflegte. Namentlich waren es die Diener der Edelleute, die in dieser Weise ihren Muthwillen an den Juden auszulassen pflegten. Wenn ein freiherrlicher Bedienter einem Juden begegnete, so schrie er: Jude, mach Moritz — „mores“ sollte es heißen; aber der Pöbel sagte „Moritz." Dann wußte der Jude submissest den Hut abnehmen und sich bis auf die Erde verneigen. Wehe ihm, wenn er es nicht that, dann gab es Schläge, ganz fürchterliche Schlage. Rabbi Bär mann sah den Jäger erstaunt an. „Ich bin der Königliche Resident, mein Feund," sagte er. „ „Der Teufel ist eines Juden Freund! Jude, mach' Moritz, oder . . . . Schallend fuhr des Jägers Hand auf die Wange des Residenten. Unterdeß hatte sich viel Volk angesammelt. Als die Leute sahen, daß Rabbi Barman geschlagen wurde. eilten sie ihm zu Hilfe. Aber auch viele Bediente eilten herbei, die sich ihres Kameraden annahmen; es gab eine allgemeine Balgerei; die Jäger zogen ihre Hirschfänger und hieben und stachen, so daß Blut floß; aber schließlich siegten die Bürger und trieben die Bedienten in die Flucht. Blutend und mit beschmutzten Oberkleidern kehrte Rabbi Bärmann nach Hause zurück. Eine halbe Stunde nachher fuhr die Equipage des Fürsten Lubomirski vor das Schloß des Königs. Der Fürst verlangte eine Audienz; ein Diener folgte ihm, der einen Pelz trug. „Majestät," sagte der Fürst, als er vor August erschien, „mein Leibjäger hat einen Streit mit dem Juden Dehrend Lehmann gehabt. Bei dieser Gelegenheit hat mein Jäger den Juden bei seinem Pelze gepackt; der Jude hat sich losgerissen, so daß der Pelz in der Hand des Jägers blieb. Der ^>äger fand in der Seitentasche des Pelzes einige Schriften, die er mir überbrachte; wollen Eure Majestät geruhen zu sehen, welche merkwürdige Dinge diese Schriften enthalten." Der König nahm die Schriften; er entfärbte sich, als er des Jnhals derselben inne wurde. Er öffnete die Thüre und rief: „„Flemming soll kommen!"" Der General - Feldmarschall wurde gerufen; er war im Schlosse anwesend. „„Flemming,"" rief der König dem Minister entgegen, „Du kennst doch die Unterschrift und das Sigel Deines ehemaligen Schwagers, des Fürsten Sapieha. Da, sieh' einmal!" „Majestät." sagte Flemming. „das ist des Fürsten Handschrift und sein Sigel." „„Lies, lies!"" rief der König. Flemming las. Der König ging zornig im Zimmer auf und ab. „„Die Schlange,"" sagte er, „„die ich an meinem Busen genährt habe — ich will ihr den Kopf zertreten!"" „Befehlen Eure Majestät," fragte Flemming, „daß ich den Residenten verhaften lasse?" „„Nein, nein! Ich werde mit den Juden nicht viel Federlesens machen; ich will ii,A in aller Stille aus der Welt schaffen lassen. Eine Verhaftung, ein Prozeß macht zu viel Lärm in der Welt. Man hat mir mein Verfahren gegen Patkul noch nicht verziehen. Wenn ich den Juden heimlich umbringen lasse, so kräht kein Huhn und kein Hahn danach. Laß ihn in aller Stille und aus der Ferne bewachen, Flemming, daß er nicht heimlich entweiche, bis ich ihn dorthin schicke, woher er nicht wiederkommen soll. Und nun, meine Herren, bewahrt tiefes Stillschweigen über das Vorgefallene. Den Pelz — ha, es ist derselbe, welchen ich dem verräterischen Juden geschenkt habe — den Pelz und die Papiere laßt hier!"" Die beiden Mitschuldigen entfernten sich auf den Wrnk des Königs. Dieser begab sich zur Gräfin Kosel, um ihr den Verrath des Juden und die Plane, die er mit demselben vorhatte, mitzutheilen. Die Rathschläge der Schändlichen, die den Unschuldigen in das für ihn ausgespannte Netz, gezogen, nm ihn zu verderben, hatten den gewünschten Erfolg gehabt. „Stehe auf, o Herr! Gott, erhebe Derne Hand, rette den Unschuldigen!" (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckern in Mainz (Mainzer Anzeiger).