Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1877)
- Date
- 1877-06-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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605 Feuilleton. Der Köni-lichk Nksidcut. (Eine historische Erzählung.) XXVIII. Rabbi Bärmann war nach Halberstadt gereist; ein Eilbote hatte ihn an das Sterbelager seines Schwiegervaters, des alten Rabbi Joel, berufen. Rabbi Joel starb, mit Segenswünschen für seinen Schwiegersohn auf den Lippen. Unter allgemeiner Theilnahme wurde die Leiche des Greises zur Erde bestattet. Die israelitische Gemeinde zu Halberstadt war in der jüngsten Zeit zu einer großen und bedeutenden angewachsen. Durch den Einfluß Rabbi Bärmanns hatten sich viele fremde Glaubensgenossen dort niederlassen dürfen. In frühren Zeiten war das nicht so leicht; denn erstlich konnten die Fremden nur schwer den Schutzbrief von der Regierung erhalten, und zweitens waren die Juden selbst die größten Gegner der aus der Fremde herzuziehenden Glaubensgenossen. Man fürchtete, daß diese den Einheimischen den Lebensunterhalt verkürzen würden. Da den Juden die Beschäftigung mit Handwerken und dem Ackerbaue untersagt war, so blieben sie einzig auf den Handel angewiesen, und da war jeder Jude ein Concurrent des andern. Nicht so war es in Halberstadt. Da in der ganzen Umgegend, weit und breit, keine oder doch nur sehr wenige Juden wohnten oder vielmehr wohnen durften, so bot sich den Halberstädtern ein weites Betriebsfeld, ohne daß Einer dem Andern Schaden zuzufügen brauchte. Rabbi Bärmann verschaffte jedem unbescholtenen Glaubensgenossen, der sich in Halberstadt niederzulassen wünschte, den Schutzbrief und schoß ihm noch ein Capital vor, damit er Geschäfte treiben und sich redlich ernähren konnte. So strömten denn von allen Seiten, aus Westphalen, aus dem Hannövrischen. aus dem Hildesheimischen, ja aus Süddeutschland, aus Böhmen und Polen die Juden herbei und wurden in Halberstadt ansässig, so daß die Gemeinde groß wurde und groß blieb, bis in dem Anfänge des gegenwärtigen Jahrhunderts die in Preußen gewährte Freizügigkeit viele Familien veranlaßte, nach Berlin und Magdeburg überzusiedeln. Als die Trauerwoche vorüber war, wollte Rabbi Bärmann nach Dresden zurückkehren. Allein eine Gattin, die seit einiger Zeit kränkelte, bat ihn inständig, noch eine Zeit lang in Halberstadt zu bleiben. Als Rabbi Bärmann unerbittlich blieb, sandte sie zu dem Rabbinen, damit dieser seine Bitten mit den ihren vereine. Aber auch die Bitten des Rabbinen waren umsonst. „Ich muß nach Dresden zurückkehren," sprach Rabbi Bärmann. „Ich habe dort wichtige Geschäfte zu erledigen. Die Gelder für den Verkauf von Sachsen-Lauenburg gehen täglich dort ein, und ich muß selbst alles cöntrolliren. Sowie es mir möglich ist, kehre ich nach Halberstadt zurück." Mirjam seufzte. „„Ach,"" sagte sie, „„ich bin so besorgt; mir ahnt nichts Gutes."" „Du bist aufgeregt durch das Hinscheiden des Vaters. Was soll mir passiren?^ „..Ich weiß es nicht; aber das Herz ist mir voll banger, schwerer Ahnungen."" „Und deßhalb soll ich meine Pflichten vernachlässigen? Ich bin überall in Gottes Hand, hier wie in Dresden. Nicht wahr, Rabbi?" „Gewiß, Rabbi Bärmann," antwortete dieser, , Gott wird Euch schützen und Seine Engel senden, die Euch retten aus jeder Gefahr." Rabbi Bärmann reiste nach Dresden zurück; aber der Tod seines Schwiegervaters und die trüben Vorahuungen seiner Gattin hatten auch auf ihn einen nie: erdrückenden Eindruck gemacht. Die Fülle der Geschäfte, die er in Dresden vorfand, zerstreute ihn zwar; als aber der Tag der Ruhe, der heilige Sabbat, kam, mußte er sich zwingen, heiter zu sein; allein es gelang ihm nicht recht, und Röschen, seine Tochter, die ihm in Dresden den Haushalt führte, bat ihn, sich durch einen Spaziergang zu erheitern. Es "war ein freundlicher, kalter Wintertag, als Rabbi Bärmann durch das Pirnaer Thor schritt, um in der freien Luft sich zu erheitern. Alle Leute, die ihm begegneten, grüßten freundlich, denn der Königliche Resident war wegen seiner Wohlthätigkeit gegen die Armen und wegen seiner Gefälligkeit und Zuvorkommenheit gegen die Wohlhabenden, wegen meiner strengen Rechtlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Uneigennützigkeit, bei aller Welt beliebt und angesehen. Wie manchen Nothleidenden hatte er unterstützt, wie manchem in Verlegenheiten Gerathenen durch kleine, zinsenfreie Darlehen aufgeholfen! Dagegen blieb seine Kasse den leichtsinnigen Schuldenmachern und Verschwendern verschlossen, und auch dadurch hatte er sich die allgemeine Achtung errungen. Rabbi Bärmann schritt dahin, die frische freie Winterluft athmend, und die Wolken von seiner Stirne verschwanden. Er dachte an die so rasch