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Der Israelit · 1877-06-27 · Heft 26 (27.6.1877) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 26 (27.6.1877)
Date
1877-06-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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602 „Doch keine Unterdrückungen, keine Grausamkeiten hatten vermocht, daß die Juden ihre hohe geistige Bildung vernachlässigten. Als die Schulen Von Hillel und Schammai aus Jerusalem vertrieben wurden, erblühten sie von Neuem in dem fernen Osten. Es war der Stolz der Juden, daß alle ihre Kinder unterrichtet fein sollten, und daß jedes derselben etwas Nützliches gelernt hätte. Während die romanischen Völker immer mehr in Verfall geriethen, während ganz Europa einer barbarischen Unwissenheit anheim fiel, blühten die jüdischen Schulen in Babylon und später in Egypten und Spanien zu mächtigem Ansehen empor. Ihre großen Gelehrten und Männer der Wissenschaft, ihre Gesetzeskundigen, ihre Aerzte pflanzten sich in gleicher Tüchtigkeit von Jahrhundert zu Jahrhundert fort. Bon allen europäischen Völkerracen geriethen die Juden allein nicht in die tiefe geistige Finsterniß, welche über ganz Europa lagerte. Sie wußten sich ihre klare Geiftesthätigkeit zu bewahren, sie setzten weiter ihre eifrigen Studien fort, sie erzeugten weiter Dichter und Denker , als Europa's Völker sich in wilden Kämpfen zerfleischten und die Blüthe der antiken Kunst dem Anstürmen barbarischer Horden unterlag. Und während andere Völkerschaften bergab eilten, um endlich ganz unterzugehen, während der hohen Fluth die niedrige Ebbe folgte, blieben die Juden, deren Voreltern einst die Geschicke Egyptens und Babylons zu leiten wußten, in allen Lagen unter allen Völkern sich gleich in ihrem Wissen und Vollbringen. „Für diese seltsame Erscheinung kann keine andere Erklärung abgegeben werden, als daß die Juden ihr ganzes Dasein auf die allgemeine Erziehung des Volkes gründeten. An einzelnen Orten und zu einzelnen Zeiten freilich wurden auch die Nachkommen Davids durch Armuth und unerhörte Unterdrückung zur Unwissenheit und Verkommenheit zurückgeführt. In den Ghettos von Rom und Deutschland, in den Einöden Polens und in den Gebieten Hindostans brachten sie keine Gamaliels oder Hillels hervor, erzeugten sie keine Schriftgelehrten und Männer der Wissenschaft; doch wo nur immer sie sich von ihrem Leiden ein wenig zu erholen vermochten, und wo sich eine Gelegenheit zum Lernen bot, da sehen wir sie auch sofort wieder ihre Schulen grüden. Einige Jahrhunderte lang existirte noch nach dem Fall von Jerusalem ein halbmythisches Schattenkönigthum der Juden unter dem freundlichen Schutz der Parther und Perser in den Ebenen Mesopotamiens. Ein Prinz aus dem Hause David regierte dort über eine kleine Schaar loyaler Juden. Diese unterwarfen sich ohne Murren den verschiedenen Eroberern, welche über sie herfielen, sie setzten keinem Eindringling Widerstand entgegen und gehorchten ruhig bald den Parthern, bald den Persern. Aber der Prinz übte in der Gefangenschaft seine königliche Gewalt über seine Stammgenossen mit einer Autorität aus, die der eines David oder Salomon in Nichts nachstand, und es scheint, als habe die Krone fortgeerbt, bis der letzte Erbe des königlichen! Stammes starb und dieser Letztere für immer erj loschen war. *) Gerade unter der Herrschaft diej ser Fürsten begannen die Schulen in Mesopotamien j am frischesten emporzublühen und ihre Früchte zu! zeitigen. Später sehen wir sie dann noch weiter j nach Osten getragen und sie zu Sammelpunkten des! gesammten jüdischen geistigen Lebens werden. Her-! vorragende Gelehrte erscheinen. Ein Asche, ein Jehuda ersteht, und allmählich wird das große Buch geschrieben, in welchem so viele Grundwahrheiten , gelehrte Rechtsentscheidungen, so viele Casuiftik und so viele Schönheiten zusammengetragen wurden, der Talmud, welcher heute von den Feinden der Juden zur Quelle einer angeblich berechtigten Verfolgung gemacht werden soll. „Im Talmud, in dieser Sammlung tiefer Weisheit und Erfahrung haben denn auch die Juden in der schlimmsten Zeit ihrer Verfolgung stets Trost zu finden gewußt. Der Talmud diente ihnen als Waffe gegen ihre Feinde, und diese fürchteten das wunderbare Buch, das den Armen Kraft verlieh, so unmenschliche Leiden zu ertragen. Der Unverstand der blöden Menge schrieb dem heiligen Buche Zauberkraft zu; es sollte im Stande sein, die Dämonen zu beschwören, die bösen Geister zu bannen, den Christen Böses zuzufügen und allerlei sonstige Hexerei zu vollbringen. Die Christen waren unbewußt auf richtiger Fährte, aber sie fehlten damals wie die guten Leute von heute, welche den Talmud nur einseitig zu fassen vermögen, und aus ihm nur die eine Lehre herleiten wollen: den Haß gegen das Christenthum. Das Buch war in Wahrheit ein Zauberbuch. Es wußte fort und fort Schulen zu gründen und die Bildung und Erziehung des Volkes ohne Unterbrechung weiter zu führen Der Talmud wurde zu einer Quelle des geistigen Lebens der gelehrten Juden, die ihr Wissen bis nach dem Hofe der Khalifen von Bagdad und zu den spanischen Hochschulen zu verpflanzen wußten. So wurde gerade der Talmud der größte Faktor in dem Culturleben ganzer Völker. Die in ihm enthaltenen Aphorismen und Parabeln, die Fragen und Antworten, die fortwährende Ermuthigung zur *) Anm. der Redaction: Nicht doch; die Herrschaft der Roschs Galioth wurde von den Khalifen beseitigt.

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