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Der Israelit · 1877-06-27 · Heft 26 (27.6.1877) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 26 (27.6.1877)
Date
1877-06-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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601 auf dem Berge Sinai gegeben waren, und auf denen mit Flammenschrift gezeichnet war: „Du sollst nicht tödten!" Das Gesetz war die Grundlage aller Mischen Moral und Philosophie und aus dem- Feuer, das sich dem Moses auf jenem Berge in der Wüste gezeigt hatte, wurde der erste menschliche Fortschritt geboren. Die Grundsätze, welche in diesen Gesetzestafeln niedergelegt waren, hielten die Juden von da an gegen alle barbarischen Völker aufrecht. Soviel auch sich in Israel selbst ' Sekten und Schulen bilden mochten, vb^die Einzelnen den Schulen von Gamalliel, Schammai oder Karaite, oder den Talmudisten angehürten*), alle hielten doch nur an einem Codex der Moral fest, und alle pflanzten doch nur als ihr Banner das heilige Gesetz auf, das noch heute dem Ge* wissen der modernen Civilisation zur Helle« Leuchte dient. Die Donner vom Sinai sind es. wenn auch in milderer Form, gewesen, welche die Griechen und Römer aus ihrem apathischen Sensualismus aufgescheucht haben, welche die rohen ungeschlachten Barbaren in den Wäldern Deutschlands und Skandinaviens zur Unterwerfung zwangen, welche überall in Europa ein lautes Echo weckten, das aus allen christlichen Ländern voll und innig zurücktönte. Das Gesetz wurde über jeden Altar geschrieben und in jedes Gesetzbuch eingetragen, lieber die ganze Welt nahm es seinen Weg und überall ebnete es der Civilisation ihre Bahn. So war es mehr als die römische und griechische Kultur dazu ausersehen, auf das Leben der heutigen Familien und Nationen bestimmend einzuwirken. „Nur in einer Richtung haben die Juden ihre Lebensgewohnheiten ändern müssen, und gerade darin können wir deutlich die fortlaufende Geschichte ihrer Leiden erkennen' Von dem thätigen, arbeitsamen und mit Erfolg gekrönten Landmann, dem es vergönnt war, den eigenen Grund u d Boden zu bebauen, sind sie in eine Kaste der Kaufleute und Geldwechsler verwandelt worden. Sie scheinen sogar alle Liebe für die Natur und für den Ackerbau verloren zu haben, der einst in Palästina in so hoher Blüthe stand. In den Zeiten der Gefangenschaft in Babylonien und Persien waren die Juden noch zum größer-n Theil Landbebauer. Selbst in den späteren römischen Zeiten, bis in das sechste Jahrhundert hinein, darf man die Ju- > den noch als ein ackerbautreibendes Volk betrachj ten. Der Talmud hat unzählige Anspielungen auf j den Feld- und Gartenbau, und nimmt viele Ver-! gleiche von dem Oel und Wein, Weizen, Früchten! *) An in. der Red.: Diese Gegensätze sind ungenau. Unsere geehrten Leser wollen berücksichtigen, daß es ein Nichtjnde ist, der das Alles schreibt. I und Blumen. Seine vielen Regeln und Vorschriften sind mehr dem Leben auf dem Lande, denn dem in den Städten angepaßt. Als die großen Schulen von Babylon*) und Pumbeditha blühten und der lebhafte Geist des Israeliten sich in c,ner reichen Literatur von (Kommentaren Luft machte, gab sich überall noch eine warme Liebe für die Gefilde des Orients, die sie bebauten, zu erkennen. Erst als die allgemeine Verfolgung über sie hereinbrach, als ihre merkwürdige Wanderung von Sradt zu Stadt begann, die mehr als eintausend Jahre so schwer auf den Juden lastete, da änderten sie ihre Gewohnheiten. Erst da wurden sie ein Volk von Handelsleuten. Sie erweiterten ihren Sinn für Industrie, ihre Kenntnisse, ihren Scharssi n, rhre Liebe zur Sparsamkeit, aber sie kebrtcn niemals wieder zu dem friedlichen Berufe des Landbauers zurück.**) Sie waren auf ihrer War derfchaft gezwungen gewesen, den Gelegenheiten zu schnellem Gewinn nachzujagen und sich solche Güter zu verschaffen, die sie leicht mit sich nehmen und m Sicherheit bringen konnten. Sie versorgten die deutschen Fürsten mit den Kostbarkeiten und Spezereien des Orients, sie handelten mit Perien, Juwelen und prächtigen orientalischen Gewändern, sie waren dre Banquiers für alle Geldbedmftigen, und so mehrte sich ihr Reichthum von Jahr zu Jahr. Es gewann fast den Anschein, als hätten die Juden im Mittelalter das gesummte Vermögen der damaligen Zeit zu eigen besessen. Sie durften aber mit ihrem Reichrhum nicht prahlen, um nicht den Neid und Haß ihrer Verfolger, zu erwecken , sie mußten im Gegentheil den Schein der höchsten Armuch zu bewahren suchen. Nur wenn sic sich in ihren finstern und überfüllten Straßen» vierteln vor Berrätherei sicher wußten, ließen sie in ihren niedrigen Hütten an hohen Festtagen die alte orientalische Pracht lebendig werden. Frauen und Töchter schmückten sich mit den reichen goldverbrämten Seidenkleidern Persiens und strahlten im Gold- und Perlenschmuck. „Die Juden haben fast niemals ihren Unterdrückern großen Widerstand entgegenzusetzen versucht. Von dem Beginn ihrer unglücklichem Wanderschaft an haben sic geduldig alle Mühen und Leiden ertragen und eine seltsame Resignation geübt. *) Anm. der Red.: Soll heißen „Dura". Babylon war der Name der Landschaft, in welcher die Schul'n von Dura und Pumbeditha blühten. Vergleiche Raschi zu Cholin 1s!>., Dchlagwort b:nb tsrsT). **) Anm. der Red.: Das heißt, sie dursten nicht dazu zurückkehren; es war ihnen bis 1848 nicht gestattet, Grundeigenrhum zu erwerben.

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