Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1877)
- Date
- 1877-06-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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600 len, den uns das Gemälde entgegenbringt, einige Lichtreflexe aufzusetzen. Frei von jedem persönlichen Interesse, wollen wir damit nur sine ira ac studio der Sache der Gerechtigkeit dienen. „Geboren unter den Verfolgungen der Pharaonen und geleitet von dem heiligen Feuer auf dem Berge Sinai, haben die Israeliten im Dunkel der Geschichte ihre Wanderung begonnen und haben niemals den Genuß langer Ruhe auf derselben kennen gelernt. Während der langen Jahrhunderte sind sie von einem Ort zum andern gestoßen und j und getrieben worden, ohne einen Platz zu finden, an dem sie rasten durften. Unter allen Völkern, bei denen sie eine neue Heimathsstätte suchen wollten , erschienen sie als die Opfer einer seltenen Feindseligkeit. Und doch haben sie alle ihre Feinde > zu überdauern gewußt. Mit Recht dürfen sie sich rühmen, daß der Zorn Gottes alle ihre Verfolger j hinweggcschwemmt hat. Die Pharaonen, welche! das Volk Gottes einst in die Wüste trieben, sind | längst in dem Sturm der Zeiten untergegangen; die Tempel und Denkmäler, welche die Juden in hartem Frohndienst mit errichten halfen, liegen verfallen an dem heiligen Nilstrom; die Philister und die Niesen von Gath sind nicht mehr; Babylon, das sich einst rühmen durfte, an Größe und! Pracht alle Städte der Welt zu übertreffen, liegt! in Trümmern. Die bitteren Tage, da das stolze! Rom den Tempel zu Jerusalem in Asche legte und! die Juden von den Ufern des Jordan und aus dem so heiß geliebten Heimathlande verbannte, sind gerächt. Das mächtige Römerreich unterlag dem Anstürmen barbarischer Völkerftämme. Gothen und Hunnen hielten ihren Einzug in Jerusalem,! um wieder dem Moslem Platz zu machen. Dann j wuchs das päpstliche Rom zur Macht empor, die! Kreuzzüge folgten und mit ihnen begannen Verj folgungen und Leiden der Juden, wie sie bisher! ungekannt geblieben waren. Die fanatischen In! quifitoren Spaniens, die heiligen Könige Frankj reichs und die rohen Mönche Englands und Deutsch- > lands, alle vereinigten sich zum gemeinsamen Kampf j gegen die gehaßte Race, und die christlichen Völker waren nur allzu bereit, den Aufreizungen zu folgen und mit einer Wuth über die Juden berzufallen, welche keine der früheren Verfolger gekannt hatte. Keinem Juden wurde gestattet, in Spanien, England oder Frankreich zu leben. Nur in Deutschland durften sie unter dem zweifelhaften Schutz des deutschen Kaisers ein unscheinbares Dasein fristen, und auch hier färbten sich oft die Straßen! der Ghetti von dem Blute hingeschlachteter Jsj raeliien. j „Erst als mit der Reformation eine neue Zeit j der geistigen und materiellen Freiheit zu dämmern ' begann, da wurde auch die Lage der Juden in Etwas gebessert. Was das sechszehnte Jahrhundert begonnen, setzten die folgenden fort. Alle protestantischen Länder, mit sehr geringen Ausnahmen, öffneten ihnen eine neue Heimathsstätte, und Israel begann mit erneuter Kraft zu blühen. Ihr Wissen und ihre Betriebsamkeit ließen die Juden schnell wieder zu hohem Wohlstände empor gedeihen. Wieder hatten sie die Genugthuung (?) ihre Verfolger im Elend zu sehen. Spanien, die Heimatb der Inquisition, verfiel in Trümmer. England und Frankreich wurden der Schauplatz blutiger Bürgerkriege und Revolutionen. „Aber noch war der Fluch nicht ganz von den Juden genommen; immer waren sie noch gezwungen, getrennt von der übrigen Bevölkerung, diesen politisch nicht gleichgestellt, zu leben. Gewaltige Bewegungen in' dem Leben der Nationen mußten erst vorausgehen, bevor auch den Juden die Menschenrechte zugcsprochen wurden und sie als freie geachtete Staatsbürger an dem öffentlichen Leben der Völker Theil nehmen durften. Wenige Jahre sind erst vergangen, seit in den civilisirten Landern Europas die letzten Schranken gefallen sind, welche Unverstand und Fanatismus gegen die Juden errichtet hatten. England wurde gezwungen, die letzten Überlieferungen des Mittelalters Preis zu geben, selbst Rom mußte die Thore des Ghettos öffnen. „Diese Thatsachen lassen sich nicht leugnen. Sie sind in der Geschichte der Menschheit niedergelegt und sprechen mit unabweisbarer Logik zu uns. Fragen wir aber nach den Ursachen der einzig dastehenden Erscheinung, daß die Juden aus allen ihren Kämpfen dennoch immer wieder lebensfähig hervorgingen, so finden wir dieselben zumeist in der Zähigkeit, mit welcher dieses seltsame Volk an den geistigen Gütern in allen Lagen seines vielbewegten Lebens festgehalten hat, die es sich schon zu einer Zeit zu eigen gemacht hatte, als die große Mehrheit des Menschengeschlechts noch in tiefem Barbarismus versunken war. Ein kurzer Hinblick auf die Geschichte der Juden und ihrer Verfolger selbst mag diese Behauptung bestätigen. „Die Juden haben sich unter allen Nationen als die geistigen Beweger des Menschengeschlechts bewährt. Wie ein langer glänzender Lichtstreifen durchleuchtet ihre höhere geistige Bildung das Dunkel aller Jahrhunderte und reicht hinein bis tief in die Finsterniß des ersten menschlichen Daseins. Ueberall, wo sie auftraterr, vor Griechen und Römern, Päpsten und Kreuzfahrern, Königen und Inquisitoren, hielten sie die heiligen Gesetzestafeln aufrecht, die ihnen unter Donnerbrausen