Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1877)
- Date
- 1877-06-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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583 -ecken und dann wird er bei meinen Bruder um mich anhalten." Ein dumpfer Schrei entrang sich Simon's Brust. „Verrathen! verrathen!" äcyzte er und schlug sich mit geballter Faust an die Stirn. „Simon, um Gotteswillen, was ist Dir?" „Fort! fort! Schlange, die ich an meinem Herzen groß gezogen und die ihr Gift jetzt gegen mich wendet!" „Simon, um des Himmelswillen, Du sprichst im Fieber — was hast Du?" „Was ich kabe?" rief er mit wildem Lachen, „o nichts, nichts, eines Bettelkindes habe ich mich einst erbarmt, Hab' es auferzogen als meine Schwester und gehofft, ihre Liebe würde mir's einst lohnen. Doch ich habe mich getäuscht; sie hat mich verrathen, für einen Buben, einen Lassen, der sie verführen will." Sprachlos hatte Hanna den ersten Worten seiner Erklärung gelauscht und was sie vernommen, war sie nicht im Stande, im Moment zu fassen; doch der Vorwurf seiner letzten Worte hatte sie getroffen; ihm mußte sie entgegentreten. „Friedrich ist kein Bube;" versetzte sie leise, aber mit Entschiedenheit, „nur als seine ihm angetraute Gattin will er mich besitzen." „Als seine ihm angetraute Gattin;" höhnte Simon „da magst Dü warten bis zum Ende aller Tage. Komm' Närrchen, laß' Dich belehren, fuhr er allmählich sich beruhigend fort: „Die Ritter von Waldensee sind ein stolzes altes Adelsgeschlecht, nimmer würde ein Waldensee eine Bürgerliche ehelichen; daß aber der Ritter Dir, eines Juden Tochter, solche Vorspiegelungen macht, das beweist die Verwerflichkeit seiner Absichten." Hanna war sprachlos vor Staunen. „Eines Juden Tochter" wiederholte sie endlich. „Brauchst Dich nicht zu schämen, Kind;" tröstete Simon, „ich hatte zwar bisher meine Gründe, Dir Deine Abkunft zu verschweigen, aber zu schämen hast Du Dich ihrer nicht; wir Juden sind eine gar kluge intelligente Nation, obgleich man uns verachtet, selbst wenn wir unfern Glauben abgeschworen." Leichenblaß saß Hanna da, sie preßte die Hand an die Stirn, als wollte sie lang schlummernde Erinnerungen wecken. „Also sind sie doch Wahrheit, jene seltsam süße Träume, die mich in früheren Jahren zu umgaukeln pflegten und deren Wirklichkeit Du mir auszureden wußtest" sprach sie mit leisem Vorwurf. „Ich hatte meine Gründe, Dir unsere Nationalität zu verheimlichen;" versetzte Simon, sich entschuldigend, „doch Du wirst nun selber begreifen, wie recht ich habe, die Lauterkeit der Absich-! ten des Ritters zu bezweifeln; denn ihm ist unsere | Abkunft nicht fremd." Schmerzlich zuckte es in Hannas schönem Antlitz. „Nicht davon jetzt;" bat sie abwehrend „der Kopf schmerzt mich, es ist Alles so fremd, und neu — ich muß mich erst darein finden. — Sagtest Du nicht, ich wäre ein Bettelkind gewesen und nur aus Barmherzigkeit habest Du mich als Deine Schwester erzogen?" fragte sie nach einigen Minuten Schweigens. Simon erröthete: „Ich war aufgeregt, meiner selbst nicht mächtig, verzeih' daß meine Worte Dich verletzt." „Ich habe nichts zu verzeihen;" entgegnete sie matt, „ich erkenne nun mehr und mehr, welch' endlosen Dank ich Dir schulde. Aber bitte, theile mir nun Alles mit, wer sind meine Eltern? wie kam ich zur Dir? wie kommt es, daß ich . eine Jüdin, bis heute keine Ahnung hatte, daß ich eine bin?" Simon, froh der Wendung, die die Angelegenheit genommen, setzte sich zu ihr und in seiner gewöhnlichen freundlichen Weise berichtete er ihr ausführlich Alles, was die ersten Blätter dieser Aufzeichnungen enthalten. Hanna, den Kopf zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen, lauschte mit angehaltenem Athem seinen Worten. Heiße Thränen glitten über ihre bleichen Wagen, als sie das Ende ihrer hochherzigen Schwester erfuhr; sie hatte sie nie vergessen und schon nach den wenigen Zügen, die Simon von ihr entwarf, vermochte sie sie sich wieder zu vergegenwärtigen. Simon hatte schon geendet und noch immer saß sie sinnend da, eine neue fremde Welt hatte sich ihr erschlossen, sie mußte sich in ihr erst zurechtfinden. Um den Geliebten mehr und mehr zu entfremden, hatte Simon ihr die Greuel, die seine Glaubensgenossen gegen ihr Volk verübt, ausführlich geschildert. Alle Einzelheiten über den Tod ihres Vaters, über den ihrer früh verstorbenen Schwester, von dem er noch heute nicht ohne Erschütterung zu reden vermochte, und um den -Abscheu vor dem Geschlechte der Ritter von Waldensee noch zu erhöhen, hatte er ihr den Vater des jungen Ritters als den Urheber jener fürchterlichen Katastrophe dargestellt. Seiner Angabe nach sollte der Minister den im Uebrigen gutmüthigen Fürsten überredet haben, durch jenes Manöver den Staatssäckel zu füllen. Hanna hatte feine Mittheilungen durch keinen Laut, keine Bewegung unterbrochen; ihre Augen hatten sich vollends geschloffen. Was sie dachte, waS