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Der Israelit · 1877-06-20 · Heft 25 (20.6.1877) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 25 (20.6.1877)
Date
1877-06-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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582 unerklärlicher war als ihm selbst. Tag für Tag trat er mit dem festen Vorsatz in ihr Zimmer, die, wie er sich zu bereden suchte, doch so einfache Mittheilung ihr zu machen, und bis heute war es ihm noch nicht gelungen, auch nur eine flüchtige Andeutung über die Lippen zu bringen. Es war ein heiterer Frühlingstag, die Fenster des hohen elegant eingerichteten Zimmers waren sämmtlich geöffnet, frische würzige Maienluft erfüllte den freundlichen Raum. Hier war Hannas Lieblingsaufenthalt, alle ihre Lieblingsblumen und ihre liebsten Vögel befanden sich hier. Die Fenster gewährten die Aussicht auf den Garten, doch dieser war hier nur ganz schmal und unmittelbar hinter demselben, nur durch ein zierliches Güter getrennt, erstreckte sich eine Allee. Hanna stand am Fenster, anscheinend ganz vertieft in die Pflege ihrer Blumen, deren einzelne Blättchen mit einem feinen Haarpinsel zu reinigen sie sich bemühte; sie hatte wohl auch daher Simons Eintritt nicht bemerkt. Aber weit hinweg über die Pflanzen schweifte ihr Auge und ihre Finger beschäftigen sich nur mechanisch mit dem Säubern der Blumen; plötzlich überzog Purpurgluth ihr liebliches Angesicht, unwillkürlich neigte sie fich noch tiefer über die Pflanzen und Simons Aufmerksamkeit war hierdurch erregt. „Guten Abend Hanna" sagte er freundlich und bot ihr die Hand. Sie fuhr zusammen, erwiederte jedoch unbefangen seinen Gruß und schien es gar nicht ungern zu sehen, daß er sich über dem Fenster zuneigte und ihrem Blicke folgend den jungen Waldensee gewahrte, der die Allee hinauf. an seinem Hause vorübergeritten war. Nochmals wandte der Ritter das Haupt und grüßte zu dem Fenster hin, wo das schöne Mädchen auf ihn schaute und hoher noch färbten sich Hanna's Wangen. Simon erblaßte, es war ihm als ob eine kalte Todtenhand sein klopfendes Herz umklammert halte, doch er suchte sich zu fassen. „Ein trefflicher Reiter dieser Friedrich von Waldensee" sprach er mit möglichst nachlässiger Betonung „jeder Zoll ein Cavalier." Hanna schaute glücklich lächelnd zu ihm auf, erwiederte jedoch nichts. „Reiter er öfters hier vorüber?" „Alle Tage um diese Zeit." „Und trifft mein schönes Schwesterchen immer hier am Fenster?" „Ist etwas Unrechtes darin Simon?" fragte sie unschuldig. Er biß die Lippen übereinander und antwortete nicht sogleich. Hanna blickte unruhig in sein finsteres Gesicht. „Sprich mein Bruder, findest Du Unrechts darin? es bedarf ja nur eines Winkes von Dir und ich bleibe dem Fenster fern, obgleich meine schönsten Blumen dort blühen?' Simon athmete hoch auf. „Ich wüßte keinen Grund, weßhalb Du das Fenster meiden solltest; nur zur Zeit, wenn der Ritter von Waldensee hier vorüberreitet, wäre es bester, Du ließest Dich nicht blicken. Du kennst die Welt nicht, sie ist gar bös und findet Böses selbst in dem Unschuldigsten. Doch, daß ein junges Mädchen tagtäglich vom Fenster aus Grüße mit einem Kavalier wechselt, das könnte wohl Niemand billigen." „Der Wunsch meines Bruders ist mir Befehl," sprach sie leise, ohne den Blick zu heben. „Doch ich möchte nicht leichtfertig erscheinen in Deinen Augen und darum thut es mir leid, nicht offen gegen Dich gewesen zu sein; ich hätte kein Geheimniß vor meinem Bruder haben sollen." Sie hielt inne und mit anmuthigem Zutrauen seine Hand fassend, zog sie ihn neben sich auf einem nieder« Divan: „Komm', ich will Dir beichten." Doch vergebens erwartete sie ein aufmnnterndes Wort. Simon war wie erstarrt, unfähig einen Laut über seine Lippen zu bringen; eine düstere Ahnung zog durch seine Seele. „Sprich," stieß er endlich hervor. Doch Hanna, durch sein seltsames Benehmen befremdet, begann nicht sogleich. „Sprich," wiederholte er ungeduldig, „laß mich Alles wissen." „Es ist nichts Böses, was ich Dir zu sagen habe, und ich glaube kaum, daß es Dich überraschen wird. Friedrich von Waldensee war ja Dein Befreier, ihm, ganz allein ihm dckiken wir Deine Rettung; wie hätte ich gleichgiltig bleiben können gegen den, dem ich die Freiheit, das Leben meines Bruders verdanke." Sie hielt inne. „Weiter, weiter" stöhnte er. Sie lehnte ihr liebliches Antlitz an seine Schulter und fuhr leise fort. „Daß auch ich ihm nicht gleichgiltig, ahnte ich nicht, bis er endlich vor vier Wochen mir Alles gestand. Er liebt mich und wußte daher leicht das Gcständniß meiner Liebe mir zu entlocken, und daraus hat er mich um meine Hand gebeten. Er wartet nur auf eine passende Gelegenheit, sich seinem Vater und dem Fürsten zu ent-

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