Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1877)
- Date
- 1877-06-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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555 Assemblern und Banquets nach Hause gekommen war. Er schlief oft nur auf einem Stuhle und war gleich aufgeweckt und munter, wenn etwas vorfiel und man ihn weckte. Auch an dem Morgen, welcher der Nacht folgte, von der wir im vorigen Capitel berichtet haben, war es sehr lebhaft im Vorzimmer des Ministerpräsidenten. Da sah man den Grasen von Watzdorf, den Minister des Innern, den Reichsfreiherrn von Manteuffel, welcher dem Ministerium des Auswärtigen Vorstand, den Kriegsminister Herrn von Wackerbarth, den Oberhofmarschall Baron Löwendahl und viele andere Großwürdenträger des Reichs. Alle die hohen Herren mußten geduldig warten, denn Graf Flemming wollte ungestört bleiben; nur der Fürst Lubomirski, weM er käme, sollte vorgelassen werden. Graf Flemming ging in seinem Cabinete unruhig auf und ab. „Mir das," sagte er, „mir das, mir, dem ersten Manne nach dem Könige, dem factischen Regenten von Polen und Sachsen, mir, vor dem Alles im Staube liegt, diese lumpigen 25,000 Thaler zu verweigern und mich dem Gespötte des Hofes auszusetzen! Du sollst es büßen, Jude! Du sollst meine Rache empfinden. Aber klug muß ich's anfangen, vorsichtig muß ich dabei verfahren, damit ich mir keine Blöße gebe, welche die Kofel zu meinem Verderben benützen könnte. Der Lubomirski soll mir die Kastanien aus dem Feuer holen!" In diesem Augenblicke wurde an die Thüre geklopft, und auf das „Herein!" des Grafen trat Fürst Lubomirski in's Zimmer. „Willkommen, mein Fürst," rief ihm Graf Flemming entgegen, „ich habe Euch erwartet. Also Ihr hasset diesen Juden und^wollt ihn, womöglich, hängen sehen?" „..Ich möchte ihn zerreißen in zehntausend Stücke!"" entgegnete der Fürst. ..„Zweimal ist er mir entgegengetreten; das erste Mal — doch Ihr kennt ja die Geschichte. Das zweite Mal war er allein Schuld daran, daß ich nicht König von Polen geworden bin. Auch das werdet Ihr wissen."" „Ich weiß! Halten wir uns mit den vergangenen Dingen nicht auf; genug, wir sind einig, den Hund zu vernichten, und er soll vernichtet werden." „„Doch fürchte ich, daß er zu fest sitzt in der Gunst des Königs. Er hat dem Könige schon viele Dienste geleistet, und August ist ihm zu großem Danke verpflichtet."" „Pah, die Dankbarkeit des Königs — die ist federleicht! August macht sich wenig Skrupel daraus, seine Freunde preiszugeben; denkt nur an Beichlingen, Hoym und Patkul. Dieser Jude ist noch viel leichter in's Verderben zu bringen. August denkt nur an sich, kennt nur sich. Trotzdem müssen wir mit List Vorgehen. Hört, ich habe einen Plan ersonnen. Wir müssen dem Könige die Ueberzeugung beibringen, daß der Jude ein Verräther ist. Wir müssen zu beweisen suchen, daß er mit dem Schwedenkönige in Verbindung steht, und daß die vielen polnischen und türkischen Juden, die immerfort bei ihm ein- und ausgehen, die Vermittler machen. Ihr wißt, Carl Xll. will die Türken zum Kriege gegen Rußland Hetzen, zugleich sollen Stanislaus Leszinski und Fürst Sapieha, der Bruder meiner verstorbenen Gemahlin, die Sachsen aus Polen vertreiben. Ich kenne die Unterschrift meines ehemaligen Schwagers genau und besitze auf manchem Äctenstücke sein Sigel. Nun lasse ich Vollmachten für den Residenten ausstellen. unterzeichnet und besigelt vom Fürsten Sapieha, Vollmachten , die ihn gegen große Belohnung ermächtigen , im Namen des Schwedenkünigs den Unterhändler zu machen mit der Türkei und mit Frankreich. Diese falschen Schriftstücke anfertigen zu lassen, ist eine Kleinigkeit; es kömmt nur darauf an, sie ihm in die Hände zu spielen, damit sie bei ihm gefunden werden." „„Ich dächte, auch das wäre nicht so schwer. Ist es doch bei Patkul gelungen, Briefschaften in seinem Schreibpulte aufzufinden, die man geschickt hineinpracticirt hatte." ' „Wieso wißt Ihr. Fürst?" „„Es ist das ein öffentliches Geheimniß."" „Wer mag das ausgeplaudert haben?" „„Ich weiß es nicht. Doch genug, ähnlich könnte man's fa mit dem Juden machen."" „Nein, das gebt nicht. Des Juden Leute, seine Secretäre und Buchhalter, sind ihm alle treu ergeben, und die untergeordneten Bediensteten kann man dazu nicht verwenden, selbst wenn man Jemanden bestimmen könnte, uns die Hand zu bi* te i. Nein, das geht nicht, wir müssen etwas Anderes ersinnen." „„Das muß ich Euch überlassen; ich bin zu solchen Dingen nicht schlau genug."" „Als ich gestern bei ihm war, erzählte er mir, er sei in Braunschweiq bestohlen worden; der kostbare Pelzrock, den ihm der König einst geschenkt, sei ihm abhanden gekommen. Wenn man diesen Pelzock herbeischaffen könnte! Da würde man die Briefschaften hineinstecken könne». Aber wie den bekommen?" „„Den Pelzrock? Ich besitze einen solchen, der dem des Juden ähnlich sieht wie ein Ei dem andern. Als er in meinem Schloß zu Bialeh zu mir hereintrat, da meinte ich, der Jude habe meinen Pelzrock an.""