Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1877)
- Date
- 1877-06-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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551 I daß eine an den Minister gerichtete Petition früher vom Publikum, als von Sr. Excellenz dem Adressaten gelesen werde! Wir können nicht glauben, daß zwischen Anstand und Verstand solche Differenzen obwalten, daß der höhere Anstand verlange, eine als Collectivschritt der preußischen Synagogengemeinden auftretende Petiton zuerst vom Adressaten und dann erst von den Petenten lesen zu lassen, während der simple Verstand die Erfüllung dieser Forderung geradezu für einen unmöglichen Unsinn hält, wenn — alles mit rechten Dingen zugeht, und nicht eben künstlich öffentliche' Meinung gemacht wird. Wir haben diese formellen Ausstellungen, zu welchen die Petition Anlaß gibt, in den Vordergrund gestellt, well sie die Erfolglosigkeit dreier Bestrebungen in einer Weise darthun, über welche sich ihre eignen Vertreter nicht täusche« können. Die nun folgende Geltendmachung der Bedenken, welche dem innersten Wesen der Sache selbst anhaften, kann dadurch in um so ruhigerer und objektiverer Weise geschehen. (Forts, folgt.) Die hciligk Stadt und ihre Dcwohncr?) x. Die Motive welche die Juden nach Jerusalem führen, sind, wie bekannt, rein religiöse. Aus dem Orient wie aus dem fernsten Occident wandern sie dahin, um dort den großen Erinnerungen des Tempels und der glorreichen Ahnen zu leben, an den Gräbern der Könige, Richter und Propheten zu weinen und in der Nähe eine ewige Ruhestätte zu finden. Die heiße Sehnsucht nach diesem höchsten Ziele ihrer frommen Wünsche ist es, die ihnen den Muth verleiht, alle Bande der Gewohnheit zu zerreißen, alle Vortheile und Bequemlichkeiten der Heimath zu verlassen und sich freiwillig in das Loos der harten Entbehrungen und mannigfachsten Leiden zu begeben. Es ist daher sehr natürlich, daß die Juden in Jerusulcm, von Glaubensinnigkeit beseelt, streng nach den Satzungen der Religion der Väter leben, und den Gottesdienst mit anhaltendem Gebet bei Tag und Nacht eifrig verrichten. Einige von den religiösen Gebräuchen, die den Juden in Jerusalem allein eigen sind, mögen hier besondere Erwährung finden. *) Die heilige Stadt und ihre Bewohner. Von Dr. Bernhard Neu mann. Zu beziehen durch den Verfasser, Hamburg. Holstenstraße 3. Preis 10 Mark. Das Morgengebet beginnt mit Tagesanbruch. Wenn der älteste Rabbiner in der Lehranstalt Beth-El, in welcher die ganze Nacht studirt wird, den ersten Schein der Morgendämmerung bemerkt, sendet er seinen Synagogendiener ab auf die hohe weithin gegen Osten schauende Kuppel des Lehrhauses. Bon hier verkündet dieser durch den lauten Ruf „Hatphilah", daß es Zeit zum Beten sei. Diesem Rufe folgend versammeln sich alle Einwohner in den Synagogen und Lehrhäusern zur Verrichtung des Morgengebetes. In der großen Synagoge „äs la8 Stambulis“ wird in den Wochentagen das Morgengebet drei bis vier Mal wiederholt, damit ein Jeder Gelegenheit finde, in der Gemeinschaft mit der erforderlichen Anzahl von Zehn zu beten. Nach beeudigtem Gebete in den Lehrhäusern beginnen die .Vereine Schaß, Mischnajoth, Mikra ihre Vorträge, welche zwei bis drei Stunden dauern. Die Gelehrten von Beruf beschäftigen sich mit ihren Studien viel längere Zeit. Manche von diesen bringen studirend den ganzen Tag in den Lehrbäusern zu, ohne ein profanes Wort zu sprechen; sie werden daher „Schotek" oder Schweiger genannt. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang versammeln sich abermals alle Einwohner, um das Vesper- und Abendgebet zu verrichten und die darauf folgenden moralischen Vorlesungen zu hören. Auch während der Nacht wird in den Bet- und Lehrhäusern die Andacht fortgesetzt. So verrichtet ein aus zahlreichen Mitgliedern bestehender Verein „Chazoth" um Mitternacht, und ein anderer Verein „Mischmorim" in drei sich ablosenden Abtheuungen die ganze Nacht hindurch die betreffenden Andachtsübungen. Die Heiligkeit des Sabbats und der Festtage wird streng beobachtet. Am Freitag drei Stunden vor Sonnenuntergang schließen sich alle jüdischen Kaufläden und Werkstätten ohne Ausnahme. Etwa eine Stunde später erschallt in allen von Juden bewohnten Straßen der Ruf der Synagogendiener „ascender", anzünden; bald leuchten die Fenster aller jüdischen Häuser von den zahllosen Oehllampen, und der Sabbath mit der allgemeinen Ruhe ist eingetreten. Das Minchahgebet beginnt eine Stunde vor Sonnenuntergang und wird einigemal wiederholt. Eine halbe Stunde von Sonnenuntergang wird in len vier großen neben einander liegenden Synagogen zu gleicher Zeit der Sabbath eingeweiht, nachdem in der größten Synagoge „Kahat Zion" der Vorbeter auf ein gegebenes Zeichen mit lauter Stimme den Psalm: „Schön ist es, dem Ewigen zu danken" begonnen, welcher dann auch in den übrigen Synagogen von der ganzen Gemeinde harmonisch chorweise gesungen wird. Findet eine Beerdigung statt, so darf in