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Der Israelit · 1877-05-30 · Heft 22 (30.5.1877) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 22 (30.5.1877)
Date
1877-05-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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511 such so schlecht ausgefallen war, wurde ein weiterer zur Beschaffung eines solchen Luxusartikels nicht mehr gemacht. Seit einigen Jahren wohnt indessen ein isr. Geschäftsmann dort, der die Befähigung zum Schächten hat und diese Funktion zu feinem Bedarf auch übt. Die obige Geschichte erinnert mich zugleich an eine andere, die vor vielen Jahren spielte. Ein getaufter Jsraelite schilderte einem ihm verwandten jüdischen Arzte seinen ganzen Lebenslauf in einem Briese. Der betr. Arzt las mir diesen Brief vor. In demselben erzählte nun der Schreiber. ein früherer Lehrer, wie ^er von heimlicher Uebertretung der Religionsgefetze nach und nach zu öffentlichen fortgeschritten sei und sich schließlich habe taufen lassen. Da er aber durch diesen Schritt existenzlos geworden und in Noth gerathen sei, habe er sich nach Süddeutschlaud gewendet und habe noch mehrere Jahre in verschiedenen Gemeinden als Lehrer, Chasan und Schochet funktionirt, bis er schießlich im Großherzogthum Hessen eine Anstellung im Rechnungsfache gefunden habe. Zur Zeit der 'Briefschreibung war er, wenn ich nicht irre» bereits pensionirt. Ob wohl jetzt dergleichen auch noch Vorkommen kann? In dieser Hinsicht kann ich aus allerneuester Zeit Folgendes mittheilen. Ein isr. Lehrer ließ sich mit Frau und Kinder laufen. Die katholische Kirche war so glücklich, diesen Zuwachs zu erhalten. Es soll dem Mann während seiner israel. Lehrercarriere sehr kümmerlich gegangen sein. Ob dieses der Grund seiner Fahnenflucht war, weiß ich nicht. Wäre es der Fall gewesen, so hätte er jedenfalls sehr schlecht speculirt; denn Dalfones ist zwar überall ein sehr schlechtes Geschäft, rentirt sich aber doch bei „unsere Leuten" immer noch am Besten. Dem sei nun, wie ihm wolle, genug, es ging dem Mann in der alleinseligmachenden Kirche nicht besser, so daß ihm oft unselig genug zu Muthe sein mochte. Nun sandle er eines Tages an eine bekannte Annoncen- Expedition zwei Annoncen, von welchen die erste ungefähr lautete: „Ein geprüfter isr. Lehrer u. s. w. sucht in einer isr. Gemeinde u. s. w. Stellung." Diese Annonce war für eine iSr. Zeitung bestimmt. Die zweite Annonce hatte den ungefähren Inhalts: „Ein kathol. Lehrer sucht in einer kathol. Gemeinde Stellung." Diese Annonce war für eine in Köln erscheinende ultramontane Zeitung bestimmt. Der Inhaber der Annoncen - Expedition ist Jude und kannte den Absender persönlich. Natürlich trat ihm da der Verdacht nahe, daß der annoncirende isr. Lehrer und der katholische eine und dieselbe Person und derselben zur guten Stunde dieLichtwer'sche Fabel von der Kröte und der Wassermaus mit der in ihr enthaltenen Lebensregel, „daß eS gut fei, mehr als eine Kunst zu können," eingefallen sein könne, und wies daher die Besorgung dieser Annoncen von sich. Wenn die Voraussetzung deS braven Inhabers der Annoncen - Expedition gegründet war, und ich glaube, daß sie dieses war. dann liegt in dieser Geschichte eine ernste Lehre für die Gemeinden. Es gibt nämlich nicht wenig isr. Gemeinden, welche sich im häufigen Lehrerwechsel gefallen. Dieselben sollten aber bedenken, daß außer den Nachtheilen, die dieser häufige Wechsel dem Gemeindeleben und der Schule bereitet, auch noch andere Gefahren aus denselben erwachsen können. Doch zurück zum Gegenstand meiner Berichterstattung. Das Großherzogthum Weimar hat außer Weimar, Eisenach und Stadtlengsfeld nur noch fünf Synagogengkmeinden. In diesen letzter» hat sich, trotz jahrelanger gegentheiliger Einflüsse, das israelitisch-religiöse Leben und die orthodoxe Praxis in Cultus- und in Familienleben ungeschwächt erhalten, ja sich theilweise, wo sie in Abnahme begriffen waren, zu neuer Lebenskraft erhoben. In einer dieser Gemeinden, die sich vor einem Jahrzehnt als Gemeinde auf den Aussterbeetat zu stellen im Begriffe war, in Vacha, hat im vorigen Herbste unter großer Feierlichkei: und unter Betheiligung fast sämmtlicher Einwohner der Stadt eine min isn-Weihe stattgefunden. Bei Gelegenheit der damit verbunden gewesenen Festlichkeiten fand ein vom Landrabbiner, Herrn Dr. Kroner, ausgebrachter Toast viel Beifall. Ein Mitglied des Stadtvorstandes, ein Buchbinder, toastete auf das Wohl deS Herrn Landrabbinen. Dieser, ein geistreicher, stets schlagfertiger Stegreifredner, antwortete alsbald mit einem Toaste, in welchem er ungefähr Folgendes sagte: „Der Herr, welcher meiner eben so freundlich gedacht, ist seines Gewerbes ein Buchbinder. Ein Buch besieht, bevor der Buchbinder seine Kunst an ihm geübt hat, aus losen Blättern, die jedes für sich allein betrachtet, ohne allen Zusammenhang unter einander zu sein scheinen und deshalb mit ihrem Inhalte oft unverständlich sind. Die Kunst des Buchbinders besteht darin, diese losen und unverbundenen Bestandtheile zu einem Ganzen zu verbinden, wodurch sie erst Sinn und Verstandniß geben. Auf dieselbe Weise verfährt auch Gott mit den Menschen. Die losen Blätter in der Menschenwelt, das sind die verschiedenen einzelnen Völkerschaften, deren oft so sehr verschiedene LebensgeftaltgM und Begabung unserm schwachen, beschränkten Blicke die Zusammengehörigkeit und den Zusammenhang zu- und untereinander nicht immer erkennbar machen. Gott aber fügt im Laufe der Zeiten diese losen

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