Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1877)
- Date
- 1877-05-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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510 Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Frankreich. Aus Thüringen. Meinem jüngsten Berichte über die religiösen Zustände der Synagogengemeinde Eisenach will ich hier nur noch ergänzend hinzufügen, daß seitdem von hier aus ein von mehreren Gemeindegliedern unterzeichnetes Gesuch an das hohe Ministerium abgegangen ist, welches die Uebereinstimmung der Unterzeichner mit den Anträgen des hochverehrlichen Landrabbinats zum Ausdrucke bringt. Der Erfolg ist abzuwarten. Wenn die religiösen und Gemeindeverhältnisse der genannten Gemeinde auch noch Manches zu wünschen übrig lassen, so hat das wohl seinen Grund in den Umständen, unter welchen diese Gemeinde entstanden ist und in der Jugend derselben. Aber es regt sich doch, wenn auch nur noch leise, ein Entwickelungs- und Verbesserungstrieb, und eS bestehen bereits Anstalten, an welchen derselbe sich zu bethätigen im Stande ist. Wenden wir uns aber von hier nach der Landeshauptstadt, nach Weimar, um zu erfahren, wie es alldort mit dem jüdisch-religiösen Gemeindeleben beschaffen ist: was nehmen wir da wahr? Wenn ich es ein Tauhu wowauhu nennen könnte, so wäre das zwar schlimm; aber es läge dennoch etwas Tröstliches darin; denn aus einem Tauhu wowauhu ist ja einst eine Welt hervorgegangen, welcher der erhabene Schöpfer das Zeugniß geben konnte, daß sie zweckentsprechend gut sei. Aber hier ist nicht einmal dieses vorhanden. Hier blickt man in eine untröstliche Leere. Hier existirt, was eigentlich die Abwesenheit einer jeden Existenz bedeutet: das leere Nichts! In Weimar wohnen 12— 15 isr. Familien, resp. selbstständiger Israeliten, welche zu den bestbesteuerten Israeliten des Landes gehören. Erkundigt sich nun der Besucher Weimars, wo in dieser Stadt, in welcher einst ein Herder gelebt, und in seinen Schriften den Geist der gebildeten Welt auf den, nur in der Ursprache recht zu würdigenden unübertrefflichen , ja bis jetzt unerreichten Gehalt der poetischen Bücher des alten Testamentes aufmerksam gemacht hat, die Schule befindlich ist, in welcher die, in .den alttestamentlichen Schriften verlandete isr. Religion den isr. Kindern gelehrt und ^diesen der hochheilige Inhalt dieser altteftamentlichen Bücher, wenn auch nur theilweise, in der Urjprache zugänglich gemacht wird, damit sie lebenslänglich aus diesem nimmer versiegenden Quell der Wahrheit ihren Geist und ihr Gemüth zu laben und zu stärken im Stande seien, so kann man ihm am Besten nur mit dem echtthüringischen Ausdrucke antworten: „Ist nicht!" Und die Synagoge oder doch wenigstens ein anderes entsprechendes Betlokal? „Ist nicht!" Daß auf die Frage noch irgend einer andern jüdisch-religiösen Anstalt keine andere Antwort erfolgen kann, versteht sich nach Obigem von selbst. Und das ist nicht bloS jetzt so. sondern ist nie anders dort gewesen. Der ganze Religionsunterricht der betr. Kinder beschränkt sich auf die, von irgend einem auswärtigen Lehrer jeweilig auf eine kurze Zeit besorgte Vorbereitung zu der gesetzlich vorgeschriebenen (?) Confirmation. Wie wenig ein solcher, wie eine Badecour nur auf eine Saison berechneter Unterricht nachhaltig auf Geist und Gemüth zu wirken vermag, ist leicht begreiflich! Wenn nun von allen diesen Anstalten nichts vorhanden ist, was ist denn aber eigentlich vorhanden, worin daS jüdische Gemeindeleben sich bekundet? Für das Leben nichts, mein lieber Leser, aber für den Tod! DaS einzige, was daran erinnert, daß Israeliten in Weimar wohnen, ist ein jüdischer Todtenhof! Das Verlangen, auch im Begräbniß mit denen vereint zu sein, mit welchen man im Leben und in der religiösen Uebung vereint gewesen, ist dem menschlichen Gemüthe so natürlich, daß es sündhaft wäre, demselben nicht Rechnung zu tragen. Aber die Religion ist nur für die Lebenden und für das Leben! Wenn daher im Leben, in seinem ganzen Leben, die Pflege und Erhaltung der angestammten Religion ein so sehr gleichgültiger Gegenstand ist. daß er, bei vorhandenen Mitteln, selbst in seiner nächsten Nähe Alles unterbleiben läßt, was für diese Pflege und Erhaltung unerläßlich ist, dem könnte, sollte man meinen, kaum viel daran gelegen sein, ob der zurückbleibende Erdentheil nach den Vorschriften der Religion zur Erde bestattet werde und hier neben den Leibern von Religionsgenoffen modere oder nicht! Aber natürlich, dem todten Leib, kostet sein Judenthum kein Opfer, keine Entsagung mehr und man glaubt sich mit der letzten Anordnung als Jude begraben zu sein, auf die leichteste Weise mit dem Judenthum abgefunden zu haben. Es ist doch wahr, daß vom Erhabenen bis zum Lächerlichen oft nur ein Schritt ist. Vor etwa 10 Jahren hatte sich die Gemeinde Weimar auch einmal mit einem Schochet versehen. Ein junger Mensch, welcher eine dortige Schule besuchte, wurde mit diesem Posten betraut. Nach Jahresfrist machte man aber die sonderbare Entdeckung, daß derselbe während dieser ganzen Zeit gar nicht geschächtet, sondern blos das Fleisch des von dem Metzger getödteten Viehes mit dem Koscherzeichen versehen hatte. Natürlich wurde er seines Amtes entlassen, und da dieser erste Ver-