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Der Israelit · 1877-05-30 · Heft 22 (30.5.1877) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 22 (30.5.1877)
Date
1877-05-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XYIII. Jahrgang. Erste Beilage zn Ar. 22 -es Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Dcrichi. Spinoza. Festrede zu seinem 2f Ojährigcn Todesfeier am II. Februar 1877, gehalten im Haag von Ernst Renan. Uebersetzt von Richard Lesser. Wien. Pesth. Leipzig. A. Hartleben's Verlag. 1877. E. Es ist bekannt, daß der Epoche machende Einfluß des Philosophen Spinoza in keinem Verhältniß zu demjenige steht, die der Jude Spinoza auf das Volk, dem er entsprossen war, ausübte. Für das J'tdenthum, dem er seine Denkkraft und Denkweise verdankte, und von dem er trotzdem abfiel und es vorurtheilsvoll bekämpfte, für das Judenthum hat Spinoza nur ein historisches Interesse, — die vorliegende zur 200jäbrigen Todesfticr Spinozas gehaltene Rede hat jedoch einen besonderen Werth wegen der Charakterisirung des Redners, insofern sie reichliches Material zur neuen Beurtheilung und Verurtheilung Renans bietet. Renan hat diese Gelegenheit zu einem eigenen Glaubensbekenntniß benutzt, und gefunden, daß er und Spinoza eigentlich dasselbe' geglaubt haben. Daß in einem Riesengeiste wie ihn Spinoza besaß, auch Renan ein Unterkommen findet, ist übrigens nicht auffällig, und ist für uns ohne Interesse. Geradezu auffallend ist aber die Ungründlichkeit und Leichtfertigkeit der Behandlung nicht nur der specifisch jüdischen Gegenstände, denn dieses findet man bei Renan längst nicht mehr auffallend, sondern auch der philosophischen und selbst biographischen Piecen. Daß also (S. k) den Propheten des Judenthums jeder Gedanke an. eine zukünftige Vergeltung ohne Weiteres abgesprochen wird, daß (S. 9) von der Bibtl behauptet wird, sie habe sich vor dem Fühlbarwerden der Resultate der spinozistischen Exegese außerhalb der allgemeinen Gesetze der Humanität befunden, das kann uns in Renans Mund nach allen Antecedencien nicht befremden. Auch das mangelnde Verständniß für die Berechtigung und die Nothwendigkeit des Bannes der Amsterdamer jüdischen Gemeinde gegen den Apo-! staten Spinoza, wie er sich S. 10 ausspricht, die - Bezeichnung Spinozas als den größten der modernen Juden (S. 1l), daß seit den Tagen des Epiktet und des Marc Aurel man kein Leben gesehen habe, daß von der Empfindung des Göttlichen so tief durchdrungen gewesen wäre, (S. 25) — diese und ähnliche Auswüchse mögen dem Festredner zu Grte gehalten werden. Daß aber der Festredner die Biographie seines Helden so flüchtig studirt hat, daß er das von Colerus erzählte, aber schon von Van Vloten als erdichteter Roman unwiderleglich nachgewiesene Liebesverhältnis Spinozas zu Van Endes Tochter (S. 21) für baare Münze ausgibt, ist bezeichnend, und überhebt uns, die übrigen'Entstellungen und Mißdeutungen einzelner aus dem Zusammenhang gerissener philosophischer Sätze des Näheren zu beleuchten. Wenn Renan bei der Festrede über einen Mann, der nun erst 2 Jahrhunderte todt ist, dessen Akten offen zu Jedermanns Einsicht daliegen, solche auf Flüchtigkeit und Unkenntriiß beruhende Jrrthümer sich zu Schulden kommen läßt. so kann man ermessen, welche Auffassung die so schwer zugängliche jüdische I Literatur und ihre Träger unter solchen Händen zu erwarten haben. Was die äußere Form der Rede anbelangt, so wimmelt dieselbe von falschen unlogischen Gedankenbildern. S. 6 wird von einem zu entwirrenden Strom der Meinungen gesprochen. Gleich im ersten Satze der Rede wird das Leben Spinozas so auf's Tiefste (?) geräuschlos geschildert, daß sein letzter Seufzer kaum gehört wurde. Als ob das Gebörtwerden oder Nichtgehörtwerden des letzten Seufzers mit der Geräuschlosigkeit des Lebens irgendwie in Connex stünde, als ob nicht ein geräuschvolles Leben auch mit einem geräuschlosen letzten Seufzer enden könne. Daß Renan S. 11 das Christenthum eine Kette nennt und damit Spinozas Nichtannahme des Christenthums bei aller Sympathie für dasselbe zu erklären sucht, ist ein Bekenntniß, das Renan wohl nur in einem schwachen Moment entschlüpft ist, und das wir deshalb ad bonam partem nehmen und unter die falschen Bilder zählen wollen, welche allein aus dieser Rede gesammelt eine ganz stattliche Bildergallerie abgeben würden.

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