Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1877)
- Date
- 1877-05-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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505 eine unbedeutende Gemeinde von nur acht bis zehn Familien. Die Karaiten, richtiger Karaim — eine aus dem Worte „Mikra" hergeleitete Benennung, mit der Bedeutung Personen, welche ihr Bekenntniß auf die heilige Schrift allein gründen — gehören zu der im 8. Jahrhundert in Babylonien entstandenen Secte dieses Namens. Die Karaiten in Jerusalem leben überaus abgesondert und üben streng ihre eigenthümlichen Gebräuche; sie sind jedoch durch die Verhältnisse veranlaßt, von den Gebräuchen ihrer auswärtigen Glaubensgenossen in manchen Punkten abzuweichen. So sind sie genöthigt, da sie keinen eigenen Chacham zur Ausübung des Cultus haben, die Vollziehung der Beschneidung einem rabbanitischen Chacham anzuvertrauen, das Fleisch des rach rabbinischer Vorschrift geschlachteten Thieres zu genießen u. dgl. m. Sie heirathen nur aus ihren Gemeinden und beerdigen ihre Tobten auf besonderen Begräbnißplätzen. Ihre von den rabbanitischen völlig abweichenden Gebete sind sehr zahlreich. Den Sabbat und ihre Festtage feiern sie äußerst streng. Sie fasten sehr viel, Manche von ihnen jeden Montag und Donnerstag. Sie halten eine Art Weihe ihrer Söhne für nöthig. Jedes männliche Kind ist „Nasir", wie in der heiligen Schrift die durch Gelübde dem Weine re. Entsagenden heißen, bis nach zurückgelegtem siebenten Jahre. Am achten Geburtstage wird es in die Synagoge geführt, man.schneidet ihm zum ersten Male das Haar und gibt ihm etwas Wein. Ein Festmahl beschließt die Feier, und von nun an wird das Kind der männlichen Erziehung überwiesen. Die Reinigungsgefttze stehen bei ihnen in besonderer Heiligkeit. Die Frauen mLssen in gewissen Zuständen vom^llmgange reiner Personen fern gehalten und in einen abgeschlossenen Winkel des Hauses verwiesen werden. Einen Tobten rührt keiner an. Die Beschäftigung mit demselben überlassen sie Miethlingen. Im bürgerlichen Leben sind ihre Sitten durchaus unbescholten. Ihr Gemeinsinn ist sehr groß; sie helfen jedem sinkenden Genossen kräftig auf. Obwohl sie in religiöser Beziehung völlig unabhängig sind, betrachtet jedoch die türkische Regierung den Chacham-Baschi der Sephardim als ihr geistliches Oberhaupt. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten & Correspondenzen. Deutschland. A Königsberg, ll. Mai. Der 72. Geburtstag des verstorbenen Dr. Johann Jacoby wurde von den vereinigten christlichen Demokraten und Socialdemokraten hier in feierlicher Weise begangen. Eine aus 12 Personen bestehende Deputation begab sich am 1. Mai, Vormittags, nach dem jüdischen Friedhofe, um auf das Grab des Dahingeschiedenen 3 Kränze niederzulegen, von denen die obige Vereinigung den ersten, Herr Reitenbach'Plitten den zweiten und ein littauischer Gutsbesitzer den dritten darbrachte. Die Kränze waren zum Theil schwarz-roth-goldenen und rothen Seidenbändern geschmückt und trugen zwei Inschriften, wenn wir nicht irren, Worte des Verewigten enthaltend: „Einheit ohne Freiheit ist eine Sklavenheit, die weder Werth hat noch Bestand" und „Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trägt." — Das neue Judengesetz vom 28 Juli 1876 über den Austritt aus dem Synagogenverbande hat hier in Königsberg, wie die „Hartung'sche Zeitung" schreibt, bisher noch keine praktischen Folgen gehabt, obgleich die hiesige isr. Separatgemeinde, welche sich vor mehreren Jahren in Folge der Orgeleinführung in die deutsche Hauptsynagoge bildete , ein hauptsächliches Interesse an jenem Gesetze hat. Den Mitgliedern dieser Separatgemeinde genügt es schon, daß die seit 1847 in Preußen constituirten Zwangs gemeinden nunmehr aufgehört haben zu existiren, und freiwillig tragen dieselben jetzt zu den allgemeinen und humanitären Institutionen, wie Mikwa, Schechita, Chebra Kadischa, wohlthätige Gesellschaft, Waisenstift rc., der hiesigen Hauptsynagoge bei, wozu sie früher executorftch gezwungen werden konnte. Damit b-zeugen zugleich die längst Ausgeschiedenen, etwa 100 an der Zahl, daß keineswegs finanzielle Erwägungen, sondern lediglich confessionelle Bedenken es waren, welche sie zur Gründung eines eigenen Gotteshauses und zur Anstellung eines eigenen Geistlichen bestimmt haben. — Der' hiesige Literat Dr. M. Freystadt, der einzige hiesige wissenschaftliche Vertheidiger des orthodoxen Judenthums, laborirt leider noch immer an den Folgen des vor 3 Jahren erlittenen Beinbruchs und ist mei'tentheils an das Krankenzimmer gefesselt; mit dem Tode Joh. Jacoby's hat er auch nicht blos seinen menschenfreundlichen Arzt, sondern überdies noch seinen letzten Helfer in der Noth verloren. (lnanv 'i n«s -m). Soweit es seine Kräfte indeß gestatten, schreibt er noch für die weitverbreitete liberale „Königsberger Hartung'sche Zeitung" und leistet darin auch dem Judenthume wesentliche Dienste. So schrieb er neulich am 21. Februar mit seiner Namensunterschrift ein Feuilleton-Artikel: „Zur Säcularfeier des Philosophen Benedict Svinoza" für die genannte Zeitung, dessen Schlußpassus wir