Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1877)
- Date
- 1877-05-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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504 aber nicht aus, auch nur die dringendsten Ausgaben zu bestreiten. Die Gemeinde ist in Folge dessen genöthigt, manche von den noch übrig gebliebenen Grundstücken zu verkaufen, und versinkt so immer mehr und mehr in Armuth. Der Bigamie steht bei den orientalischen Juden kein religiöses Hinderniß im Wege, da sie die im 1 l. Jahrhundert erfolgten Verordnungen des R. Gerschom, „Takanoth Rabenu Gerschom." welche unter Anderm die Bigamie verbieten, nicht anerkannt haben. Jedoch machen sie von dieser orientalischen Sitte höchst selten und nur in besonderen Fällen Gebrauch. Die Monogamie ist bei ihnen eine Regel, von der sie nur nach langjährigem kinderlosen Eheleben und mit ausdrücklicher Einwilligung der Ehefrau, nach dem Beispiele des Patriarchenpaares Abraham und Sara, abweichen. Unter solchen Umständen und bei sonst günstigen Verhältnissen geht der Mann eine zweite Ehe ein und zwar wenn möglich mit einer Verwandten der ersten Frau, um dadurchdie Harmonie in der Familie zu erhalten. Die erste Frau betrachtet dann die neu Hinzugekommene als Familienglied und nicht als Rivalin; sie ist auch bei der Pflege und Erziehung der in zweiter Ehe erzeugten Kinder mit thätig. Lolche Fälle ereignen sich aber nur selten. Während der 15 Jahre meines Aufenthaltes in Jerusalem kamen nur sechs Doppelehen vor. Polygamie, wie sie bei den Mohamedanern Sitte ist, erlauben sich die orientalischen Jaden nie. In Folge der frühzeitigen Geschlechtsreife wird die Verheiratung, wie bei allen Morgenländern, schon früh, jedoch gewöhnlich nicht vor dem dreizehnten Lebensjahre, vollzogen. Auf die Schließung des Ehekontraktes üben auch deshalb die Eltern den größten Einfluß aus. Die orientalische Sitte, die Frauen im Harem einzuschließen, ist den Juden fremd; die weiblichen Familienglieder sind daher dem Besucher sichtbar und nehmen an der Conversation einen bescheidenen Antheil. Auch gebrauchen die Jüdinnen den Schleier nicht, welchen die mohamedanischen und armenischen Frauen zur Bedeckung des Gesichtes auf der Straße tragen. Die Aschkenasim stammen aus Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rußland, Rumänien, Holland, Frankreich, England und den Vereinigten Staaten von Amerika und sprechen die deutsche Sprache in einem eigenen Dialekte. Sie beobachten in der Liturgie den Ritus von Aschkenas (Deutschland) und folgen in religiöser Beziehung den Bestimmungen des später» Commentators des Schulchan Aruch, R. Mosche Jsserles, der am Ende den 16. Jahrhunderts in Krakau lebte. Die Aschkenasim bilden mit 6000 Seelen den kleinern Theil der jüdischen Bevölkerung Jerusalems; sie theilen sich in Peruschim und Chassidim. Die Peruschim waren von den Aschkenasim die ersten Ansiedler in Jerusalem und bildeten in früheren Zeiten mit den Sephardim eine Gemeinde. Erst im sechszehnten Jahrhundert sonderten sie sich von den Sephardim ab und wurden daher „Peruschim" Abgesonderte genannt. Die hier und da sich findende Uebersetzung des Wortes „Peruschim" durch Pharisäer ist eine von den vielen Jrrthümern, die über die Juden in Jerusalem verbreitet sind. Die Peruschim haben in der Liturgie den unveränderten deutschen Ritus beibehalten und richten sich bei dem rabbinischen Unterricht nach der Lehrmethode der deutsch-polnischen Schulen. Die Chassidim sind Anhänger der Secte dieses Namens, gestiftet im 18. Jahrhundert von N. Israel Baal-Schem, der zu Tlusti und dann rn Medzibez in Podolien thätig war. Als Sectenführer hieß er Zadik, und alle seine Nachfolger führen denselben Titel. Die Grundidee dieser Secte ist das Streben nach der höchsten Glückseligkeit durch den Glauben, erreichbar durch unbedingtes Vertrauen auf den Zadik, durch stete Heiterkeit des Gemüths bei allen innern und äußern Drangsalen, durch einen unerschütterlichen Gleichmuth gegen drohende Gefahren und einen unzerstörbaren Gemeingeist, gehalten mittelst häufiger Religionsübungen, ausdrucksvoller Ceremonien und zahlreicher Versammlungen. Die Chassidim in Jerusalem besitzen daselbst keinen Zadik; sie unterscheiden sich von den anderen Aschkenasim nur durch einige unbedeutende Abweichungen in den religiösen Ceremonien. Die Aschkenasim haben keine einheitliche Gemeindeorganisation; sie sind in sieben verschiedene Gemeinden gesondert Die Peruschim, welche aus Rußland stammen, bilden eine Gemeinde mit 3000, die Warschauer mit 700, die Ungarn mit 500, die Deutsch-Holländer mit 100 Seelen. Die Chassidim sind getheilt in 1000 Wohlinier, 500 Galizier und 200 Chabad oder Ljubawizer. Die innere Verwaltung der einzelnen Gemeinden der Aschkenasim besorgen ihre betreffenden Vorsteher. Ueber Angelegenheiten aber, welche die Gesammtheit der Aschkenasim betreffen, enticheidet eine Versammlung aller Vorsteher der verschiedenen Gemeinden. Ein gemeinschaftliches geistliches Oberhaupt haben die Aschkenasim in Jerusalem nicht; jedoch besteht in den größeren Gemeinden ein Beth-Din, dessen Autorität auch die kleineren Gemeinden anerkennen. Die Karaiten sind seit 200 Jahren wieder in Jerusalem ansässig, bilden aber gegenwärtig