Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1877)
- Date
- 1877-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447718--13750-2469631- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
503 zähliger gerissen, haben die Geister von der Beschäftigung mit ihm abgelenkt und ihn zum Stillstände verdammt. Auch wir wünschten ihn neubelebt , aber wir wüßten ein anderes Mittel, als 'Rabbinerversammlungen, die seine Bestimmungen aufheben wollen. Wir wünschten ihn wieder überall als Grundlage des jüdischen Lebens und der jüdischen Geistesregsamkeit betrachtet, die Jugend auf's Neue diesem Lebensquell einer nieversiegenden Geislesregsamkeit zugefübrt, und es sollte schon lebendig werden in den jüdischen Gemeinden, wie eS in früheren Jahrhunderten war, cs sollte Begeisterung an Stelle der Gleichgiltigkeit treten, und — das freilick müßten unsere „Lichtfreunde" mit in den Kauf nehmen — ihre Richtung würde vor der richtigen, Verstandesschärfen Auffassung des Talmud in ihr Nichts aufgehen. Damit wäre dann die Klage über das „erstarrte Talmudwort" für alle Zeiten verstummt. L.... A.R.l. Die hnligr Stadt uud ihre Kcumhncr.*) VIII. Wie bereits erwähnt, beträgt gegenwärtig die Zahl der Juden in Jerusalem gegen 130C0 Seelen; sie stellt somit mehr als den dntten Theil der Gesammtbevölkerung dar und überragt die christliche fast um das Doppelte. Die anderen Städte des heiligen Landes zählen zusammen gegen 12000 jüdische Einwohner und zwar Zaphet 8000, Liberia 2500, Hebron 800, Jaffa 600. Die Juden in Jerusalelm unterscheiden sich in Sephardim und Aschkenasim. Die spanisch - portugiesischen Juden werden Sephardim genannt, die bei der Vertreibung der Juden aus Spanien unter Jsabella II. von dort in alle Welt auswanderten. Sie richten sich in der Liturgie nach dem spanischen Ritus und in praktisch-religiösen Fragen nach dem Gefetzcodex „Beth Joseph" des R. Joseph Karo. Die Sephardim in Jerusalem stammen größtentheils aus den europäischen und asiatischen Provinzen der Türkei, aus Aegypten, Indien, Persien und bedienen sich des spanischen Idioms. Nur ein kleiner Theil, die Nachkommen der Ureinwohner von Jerusalem, Moriökos, und die aus Tunis, *) Die heilige Stadt und ihre Bewohner. Von Dr. Bernhard Neu mann. Zu beziehen durch den Verfasser, Hamburg, Holstenstraße 3. Preis 10 Mark. Algier und Marokko Eingewanderten, spricht gewöhnlich das Arabische. Die Sephardim bilden die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung, 7000 Seelen, und dieHauptgcmeinde von Jerusalem. An ihrer Spitze steht der von den „Chachamim", Gelehrten, gewählte Chacham Baschi oder Oberrabbiner, den die türkische Regierung in Konstantinopel bestätigt, indem sie dem Erwählten ein vom Sultan eigenhändig unterschriebenes Diplom nebst dem Medschiöi-Orden und einem reich gestickten Tarbusch znschickt. Ihm zur Seite steht das aus etwa 80 Chachamim gebildete Rabbiner-Collegium. Drei von diesen vereinigen sich monatlich abwechselnd zu einem „Bcth-Din" oder Gerichtshof, welcher im Vereine mit dem Oberrabbiner religiöse Fragen und civilrechttiche Angelegenheiten entscheidet. Da dieses Gericht nach öffentlicher Verhandlung sein Urtheil ohne Verzug und auch kostenfrei spricht, so genießt es hohe Achtung auch bei Bekennern anderer Confessionen, die sich bei etwaigen Differenzen mit Juden häufig der Entscheidung dieses Gerichtes unterziehen. Auch die türkische Obrigkeit respectirt diesen Rechtsspruch und gibt ihm erforderlichen Falls gesetzlichen Nachdruck. Ein großes Beth- Din oder Obergericht, aus sieben der angesehensten Chachamim bestehend, ist zur Entscheidung der besonders wichtigen Angelegenheiten berufen. Die Verwaltung der weltlichen Gemeindeangelegenheiten leitet ein Vorstand, welcher aus drei „Pekidim" oder Vorstehern, drei Stellvertretern und ebensoviel „Maschgichim" oder Controleuren besteht. Die Gemeinde besitzt vier große Synagogen, einige Hauser und mehrere unbebaute Plätze. Da keine Gemeindesteuer erhoben wird, so sind die Einkünfte der Gemeinde sehr beschränkt und schwankend. Neue Ansiedler entrichten ein Einkaufsgeld, dessen Höhe durch Uebereinkommen bestimmt wird. Von dem Nachlasse Eingewanderter, welche in Jerusalem ohne Erben sterben, erhebt die Gemeinde ebenfalls einen mäßigen, bei der Einwanderung voraus bestimmten Betrag. Ferner fließen der Gemeinde durch das ihr allein zustehende Recht, Grabstätten zu verkaufen und durch ihr Privilegium des Fleischverkaufes kleine Summen zu. Die Einkünfte decken aber die bedeutenden Ausgaben nicht. Diese sind: Zahlung der Zinsen einer Schuld, die aus alten Zeiten auf der Gemeinde lastet, Entrichtung der Kopfsteuer für die Armen, Spendung einer namhaften Summe für den freien Zutritt zur Tempel-Westwand und zum Grabe Rachels, Ausgaben für Cultus, Unterricht und Wohlthätigkeitszwecke. Daher sendet die Gemeinde Boten, zumeist nach Afrika, um Almosen zu sammeln. Alle diese Beiträge reichen