Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1877)
- Date
- 1877-05-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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502 aufgeklärter Rabbinen wiederbelebt und der Talmud, in neuen Fluß gerathen, von ihrken selbstständig in Neuerungen und Umgestaltungen im Sinne und mit dem Rechte Mosis, Josua's, Samuels, Efra's, Hillel's rr. s. w. fortgeführt werden könnte? Kann Sura und Pumbaditha nicht in den Hochschulen Berlin's und BreSlau's Wiedererstehen? Wie thöricht sind also unsere Starrgläubigen, die sich der berechtigten freien Geistesbewegung widersetzen! Hübsche Redensarten, die man weit und breit Wiedergeläut findet; Köder für die Unbewanderten, denen der Geist und die Gestaltung des Judenthums verschlossen ist! In sedem Worte fast zeigt sich die absichtliche Verkennung des „geschichtlichen Judenthums", mit dem Jene sich brüsten und das sie hier mit Füßen treten. Woher können sie Nachweisen, daß eine Kette der Ueberlieferung von Sinai bis N. Josef Karo Leicht? daß Saadia , Hai, Al fast , Maimonides, Ascheri u. s. w. mit dem Rechte eines Hillel oder Schammai, oder eines Abaji und Rava den Talmud fortgeführt hätten? daß sie an etwas Bestehendes zerstörend oder neugestaltend ihre Hand gelegt, ja daß sie auch nur eine Entscheidung hätten treffen können, treffen wollen, die sich aus dem Talmud nicht hätte erweisen lassen? Waren ihnen gewisse Freiheiten in ihren Schlüssen gegönnt, so durften sie sich doch nur in den Grenzen des vom Talmud Gegebenen bewegen, insofern darin die Entscheidung nicht immer angegeben war. Ist das nicht der klarste Beweis, daß mit dem Abschlüsse des Talmud ein Wirken im Sinne der Amoräer für immer abgeschnitten war, ähnlich wie die Abfassung der Mischna den Späteren die Rechte der Tanaiten nahm? Eine eigentlich umgestaltende Gewalt gab es überhaupt imJudenthume nie, Alles schloß sich an das Vorhandene an und ordnete sich ihm unter. Die Thora ist die Grundlage der Mischna, die Mischna die bestimmende Macht der Gemara, die Gemara der unverrückbare, nicht zu erweiternde Raum für alle späteren Bewegungen. Wenn je etwas Neues geschaffen wurde, so war es nur scheinbar neu. Entweder wurde ein schon lange bestehender, durch tiefe Bedeutung geheiligter Brauch zum Gesetz erhoben, oder die früheren Bestimmungen durch noch engere Begrenzung vor Uebertretung geschützt, niemals aber etwas Bestehendes angetastet. Daß bei all' dem unerschütterlichen Festhalten doch eine so rege, unendliche, unerschöpfliche Geistesbewegung möglich war, wie wir sie in der Gestaltung des Talmud und in der Erläuterung desselben so viele Jahrhunderte hindurch bewundern, wie sie in den Werken ei es “uw, eines und so vieler unzähliger großer Männer noch weit über die Zeit R. Josef Karo's hinaus so lebendig sich erhält — das zeigt uns eben die Göttlichkeit, die Erhabenheit des alten Judenthums, das seine Bekenner fest in seinen Schranken hielt, ohne ihren Geist zu fesseln, ohne sie in die Verdumpfung sinken zu lassen, die wir bei den Bekennern anderer strenger Glaubenssatzungen bemerken. Wie kann der Schulchan Aruch demgemäß etwas Anderes sein, als der Stoff des Talmuds geordnet und festgestellt? Wie kann man an diesem Werke rütteln und doch den Zusammenhang mit dem Talmud behaupten wollen? Wie kann man, gerade vom Geiste des geschichtlichen JudenthumS aus, das Umstürzen des Bestehenden mit dem Geiste des Talmud vereinigen wollen, ohne mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen? Nach alledem bleibt dem Juden Nichts übrig, als mit dem Hergebrachten sich einverstanden zu erklären, oder dem Talmud zu entsagen. Jenes Liebäugeln mit diesem Werke, das man allerdings als Grundpfeiler des Judenthums nicht umgehen kann, das in seiner Riejengröße selbst dem Neuerer ehrwürdig scheint, ist eine Halbheit; damit geben jene „Aufgeklärten" deutlich genug zu erkennen, daß sie das Schwankende und Haltlose ihrer Richtung einiehen, daß sie nach festem Boden suchen und in dem Umstürzen ihn nicht finden; sie sehen sehnsüchtig herüber nach dem Talmud, dessen Festigkeit sie für sich wünschten, zu dem sie sich durch ihr Auftreten die Brücke aber abgebrochen haben; sie blicken mißgünstig auf d^n Altgläubigen. dem der Talmud eine unerschütterliche Festigkeit gibt, die sie vergebens wünschen. Solchen widerstreitenden Gefühlen entspringen dann derartige Behauptungen, wie die vom Erstarren und Wiederbeleben des Talmudwortes, die wir oben zum Besten gegeben haben, deren Haltlosigkeit wir uns bemühten zu beweisen. Ist an dieser Behauptung aber Alles unwahr? Ist der Talmud nicht wirklich vielfach aus der lebendigen Entwickelung gerissen und erstarrt? Uns wenigstens kommt es oft so vor, wir stimmen halb und halb mit unfern Gegenfüßlern überein. Nur über die Zeit und über die Ursachen dieser Erscheinung haben wir unsere eigenen Gedanken. Nicht von Josef Karo her, sondern erst in unserm Jahrhundert macht sie sich bemerklich, nicht dem Schulchan Aruch, der zu so großer Geistesarbeit Anregung gegeben, sondern dem Treiben der Neuerer haben wir es zu danken. Sich selbst können sie es zuschreiben, wenn in Deutschland der Talmud erstarrt ist, sie haben ihn mit Füjen getreten, haben die Ehrfurcht vor ihm aus den Herzen Un-