Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1877)
- Date
- 1877-05-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447717--13738-2469618- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
492 springend und die Hand des ihr gegenüber Sitzenden krampfhaft fassend. „Und? und? —" „Er hielt sich hier aus" fuhr Nabbi Jizchak staunend, do^h freundlich fort „um seine Frau, die mit einem kranken Kinde noch in ihrer Heimath weilte, zu erwarten. Mehrere Wochen harrte er von Tag zu Tag in höchster Ungeduld und Sehnsucht; da kam die Nachricht von dem schauderhaften Massenmord in Z... Nabbi David gerieth außer sich, ihm ahnte gleich, daß auch sein Weid und Kind unter den Ermordeten, und schon in den nächsten Tagen erhielt er durch einen Vetter seiner Frau die Bestätigung seines Unglücks." Ein gellender Schrei entfuhr Dinas Lippen, das Bewußtsein verließ sie. Marie umfing sie mit ihren Armen und Nabbi Jizchak eilte, seine Gattin herbeizurufen, die der Ohnmächtigen wohl mcbr Beistand zu leisten vermochte als er. Lange währte es bevor die vereinten Bemühungen des Mädchens und der freundlichen Frau Erfolg hatten. Inzwischen berichtete Marie den staunenden Gatten, was sie von den Verhältnissen ihrer Herrin theils wußte, theils vermuthete. Endlich schlug Dina die Augen auf. „Jst's wahr Marie?" flüsterte sie „ist's wahr?" „Daß Euer Vetter Euch betrogen, das ist freilich wahr — ob aber Euer Gatte noch lebt? —" sie zuckte die Achseln. Rabbi Jizchak und seine Gattin traten nun näher, die Erregte ihres innigsten Mitgefühls und des möglichsten Beistandes zu versichern. Doch eine Mutter weiß am sichersten ein Mutterherz zu errathen, und woran der Rabbi nicht gedacht, das versäumte seine Gattin nicht. „Ist das nicht jener Rabbi David, der das wunderschöne Kind bei sich hatte? ein kleines Mädchen war es, glaub ich Tirza." „Mein Kind, mein Kind!" ries Dina „Ihr habt es gesehen, o sagt mir, wie sah es aus? war es gesund?" „Ganz gesund" beruhigte sie die iheilnehmende Frau. „Der Vater ließ es kaum von seiner Hand, es begleitete ihn fast auf allen seinen Wegen; oft war es auch hier in diesem Zimmer, spielte ruhig auf der Erde, während die Männer mit einander redeten. Es war ein wunderschönes kluges Kind; setzt wird's gewiß noch lieblicher sein." „Dank," hauchte Dina, „Dank" und preßte die Hand der Anderen. Mehrere Stunden waren verflossen, man hatte die auf's Aeußerste erregte Frau, die bald laut aufjauchzte in hoffnungsvoller Freude, bald in Thränen zerfloß, wenn sie die Unsicherheit ihrer Hoffnung in Erwägung zog, nicht fortgelassen. Marie hatte die Effecten ihrer Herrin aus dem Gasthause holen müssen. Die freundliche Hausfrau hatte das Abendbrod bereitet, doch Dina war nicht zu bewegen, das Geringste zu genießen, all ihr Sinnen nnilte bei dem fernen Gatten und dem Kinde, deren Aufenthalt ihre freundlichen Wirthe ihr nicht anzugeben wußten. Rabbi Jizchak versprach, gleich am Morgen Erkundigungen einzuziehen. Dina's Gatte hatte in Rnur verweilt, bis die vier ersten Trauerwochen nach dem vermeintlichen Tode seiner Gattin und seines Kindes vorüber waren; länger duldete es ihn nicht, so nahe dem Grabe seines Glückes, er mußte hinaus in die weite Welt, wohin? das wußte er selbst kaum Doch Rabbi Jizchak hoffte es zu erfahren bei den Verwandten des Mädchens, das er zur Pflege seines Kindes mit sich genommen. Die Erkundigungen des Rabbi waren indessen erfolglos; jenes Mädchen, eine arme Waise, hatte ihren Verwandten keinerlei Nachricht zukommen lassen. Der Rabbi erbot sich, durch seine zahlreichen Geschäftsfreunde Nachforschungen anstellen zu lassen, doch in jenen Tagen war die Postverbindung langsam und unsicher, und Dina brannte der Boden unter den Füßen; seit sie ihren Gatten und ihr Kind noch am Leben wußte, war eine Energie in ihr erwacht, die, wenn sie sie früher besessen, unsägliches Elend ihr erspart; sie mußte handeln, sollte sie nicht vergehen vor Ungeduld. Im Gespräche hatte der Rabbi einmal erwähnt. daß Rabbi David einmal die Absicht geäußert , zu seinen Verwandten nach der großen Handelsstadt H. zu übersiedeln. Dina faßte daher den Entschluß, sich dorthin zu begeben; denn sie kannte ihres Mannes Vorliebe für H. und ergab sich daher der zuversichtlichen Hoffnung, ihn dort zu finden. Zwar war der Weg weit und ihre Mittel gering, doch das kümmerte sie wenig; konnte sie nicht fahren, so würde sie geh-ri; suchen wollte sie Gatten und Kind und müsse sie die ganze Welt durchwandern. Sie drängte der Dienerin ihren Lohn auf; indem sie sie aus ihrem Dienst entließ, forderte sie sie auf, zurück in die Heimath zu kehren. Marie ließ sich jedoch hierzu nicht bewegen, mit thränenersüllten Augen beschwor sie ihre Herrin, sie bei sich zu behalten, sie nicht zu verstoßen. Doch Dina stellte ihr vor, daß sie weder im Stande sei, ihre Dienste zu vergüten, noch sie zu ernähren. „Gut," rief das Mädchen trotzig, „seid Ihr nicht im Stand mich im Dienst zu behalten, so habt Ihr doch auch die Macht nicht, mir zu verbieten an Eurer Seite zu bleiben. Wie könnt Ihr nur glauben, ich würde Euch allein lassen; je weniger Ihr habt, desto sicherer werdet Ihr meiner bedürfen. Glaubt Ihr denn, ich hättet vergessen.