Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-05-23 · Heft 21 (23.5.1877) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 21 (23.5.1877)
Date
1877-05-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447717--13737-2469617
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

491 da könnt Ihr nimmer ruhig überlegen, wie Ihr danach forschen könnt, ob's wahr ist oder nicht. „Du hast recht — ich will mich fassen und Will überlegen, was ich thun muß." Doch mit einem Mal wieder allen Muth sinken lassend, fügte sie tonlos hinzu: „Aber es ist doch unmöglich, ganz unmöglich. Hätte ienes Schreiben auch gelogen, mir wäre doch lüngst Nachricht von ihnen zugekommen." Marie zuckte die Achseln. „Und Ihr glaubt, Euer Vetter hätte Euch die Nackricht übergeben, wenn er sie vielleicht für Euch erhalten." „Du hast recht, Du hast reckt, Du weißt Dir Alles so klar darzulegen, drum denke weiter für mich, ich kann's nickt. Sage, was glaubst Du, was muß jetzt geschehen?" Marie sann einige Minuten nach, während ihre Herrin eine Beute der furchtbarsten Erregung, kaum im Stande war, sich aufrecht zu erhalten und doch eben so wenig im Stande, in Ruhe an einem Ort zu verharren, im Zimmer auf und nieder schnankte. „Ich meine", sprach das treue Mädchen, indem ihr Blick sorgend an der Andern haftete, „ich meine, Ihr solltet jetzt das thun, was Ihr damals thun wolltet. Fahrt nach W., wo Euer Gatte auf Euch gewartet hat, dort werdet Jhr's sicher erfahren, wie's ist." Mit dem glühendsten Eifer ergriff Dina diesen Vorschlag, gleick am folgenden Morgen wollte sie ihn ausführen. Mit Tagesanbruch sollte Marie ein Fuhrwerk besorgen, um so bald als möglich diese fürchterliche Ungewißheit zu beenden. Noch am selben Abend jedoch eilte Dina, trotz des wilden Schneegestöbers, in Simons Wohnung, um seine Ansicht über diese Angelegenheit zu erfahren. Sie hielt ihn für ihren Freund und wußte, daß er auch mit dem Verstorbenen befreundet; vielleicht hatte er irgend welche Kenntniß davon. Simon war auf's Höchste überrascht, Dina zu so später Stunde bei sich zu sehen. Die nun bereits achtjährige Hanna war im Zimmer und lauschte voll Interesse Drna's aufgeregten Worten; doch Simon vermochte keinerlei Auskunft zu erlheilen; er selbst hegte nicht den geringsten Zweifel an der Echtheit jenes Schreibens, doch rieth er Dina, zu ihrer Beruhigung ihren Vorsatz auszuführen, da auch er es für sicher hielt, daß sie in W. Genaueres erfahren werde. Die Nacht verstrich ihr schlaflo s Dina war nicht zu bewegen Ruhe auch nur zu suchen. Mit neu erwachtem Lebensmuth zauberte ihre Phantasie die glücklichsten Bilder ihr vor Augen, um sie im nächsten Moment die trostlose Wirklichkeit doppelt empfinden zu lassen. Endlich tagte es, Dina weckte ihr Mädchen, und bevor zwei Stunden verflossen, befanden sich beide unterwegs. > In einem hoffnungsreichen Momente hatte Tina alle ihre bessere Habseligkciten zusammengerafft und sie mit sich genommen. Es war eine unangenehme -anstrengende Tour. Langsam aber doch unaufhörlich näherten sie sich dem Ziel ihrer Reise und kurz, bevor cs dunkelte, hielt der Wagen vor dem Wirthshause in W. Man stieg aus, Marie führte ihre Herrin in's Gastzimmer, und diese, trotz ihrer Erschöpfung, nicht zum Ruhen zu bewegen, erkundigte sich unverzüglich nach dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Der Wirth, nicht ohne Staunen, nannte ihr denselben, und da die bleiche Frau, trotz der Einfachheit ihrer Kleidung, keinen ärmlichen Eindruck machte, so ließ er ihr sogar von einem seiner Buben den Weg zur Wohnung des Genannten zeigen. In höchster Errregung legte Dina diesen zurück. Marie fürchtete beständig, sie würde umsinken, doch ihre Kräfte verließen sie nicht, bevor sie das Ziel erreicht. Die Schwelle des Vorstehers war nun überschritten; bebend, keines Wortes mächtig, preßte Dina Marie's Arm, auf den sie sich stützte, und diese bat. man möge sie beide zum Hausherrn führen; ihrem Wunsche ward entsprochen. Rabbi Jizchak, einer der bedeutendstenHandelsherrn seiner Zeit, befand sich allein in seinem Arbeitszimmer, ein umfangreicher Foliant, in dem er nicht nach merkantilifchem Wissen forschte, lag vor ihm auf dem Tische; überrascht blickte er auf, als die Frauen, von einer Dienerin des Hauses geleitet, in sein Zimmer traten. Nicht ohne Höflichkeit erhob er sich und forschte nach ihren Begehren. Doch die Eine vermochte nicht sogleich zu reden und die Andere hielt sich nicht berechtigt, hier das Wort zu ergreifen. „Erlaubt, daß meine Herrin sick zuvor erholt" sprach sie endlich, „sie ist sehr erschöpft." Der Hausherr schob einen Sessel herbei und bat freundlich, sie möge sich setzen. Nach mehreren Minuten gelang cs Dina endlich, die Bitte hervorzustammeln , er möge ihr Auskunft ertheilen, ob nicht vor drei Jahren — doch weiter kam sie nicht, der Name ihres Gatten kam nicht über ihre Lippen. Marie mußte ihn nennen. „Ja wohl, ja wohl" erwiederte der Rabbi, froh der erregten Frau ihre Frage beantworten zu können. „Ihr meint doch Rabbi David ben Moscheh aus Z...?" „Ja, ja" stieß Dina hervor. „Er weilte längere Zeit in unserer Gemeinde." „Ihr habt ihn gekannt" schrie Dina auf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.