Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1877)
- Date
- 1877-05-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447695-2447717--13734-2469614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
488 Unterdeß hatten die Diebe den Pelzrock und die Tabaksdose einem dritten Genossen ubergeben, der sofort Braunschweig verließ; das Geld aber versteckten sie im Stalle eines Nachbarhauses unter dem Heu, damit, wenn sie verhaftet würden, man nichts bei ihnen vorfände. Und diese Vorsicht war durchaus nicht überflüssig; denn die Tochter des Wirthes, Sprockmann. hatte die Strolche zum Hause hinausschleichen gesehen; nach der von ihr gelieferten Personalbeschreibung wurde der Verdacht auf die beiden Verbrecher gelenkt, die dann auch gleich verhaftet wurden. noch ehe sie das geraubte Geld, über 1200 Tucaten, in Sicherheit bringen konnten. Die Jungfer Sprockmann * 1 bekräftigte ihre Aussage vor Gericht mit einem Eide; aber die beiden Strolche leugneten auf's Hartnäckigste und sollten eben auf die Folter gespannt werden. Da legte sich Rabbi Bärmann in's Mittel; sein Geld war im Stalle des Nachbarhauses aufgefunden und ibm wieder zugestellt worden. Als er nun vom Gerichte aufgefordert wurde, seine Anzeige zu beschwören, sagte der Edle: „Meine Herren Richter, ich verzichte auf die weitere Untersuchung. Mein Geld habe ich wieder erhalten und für die übrigen mir entwendeten. werthvollen Gegenstände verlange ich keinen Ersatz. Meine Herren Richter, Sie verlangen einen heiligen Eidschwur von mir nur zu dem Zwecke, um die Verbrecher zu bestrafen. Das ist allerdings Ihre Pflicht. Allein, hören Sie auch meine Gründe, weßhalb ich den Eid zu verweigern für angemessen halte. Wir Juden feiern in wenigen Tagen das Neujahrsfest, welches nach deu Lehren unserer heiligen Religion der Tag des Gerichts ist für alle Geschöpfe. Da stehe ich dann vor Gottes Thron und erflehe Gnade und Barmherzigkeit, denn vor Gott, dem Allheiligen, sind wir doch allesammt Sünder. Und nun sollte ich heute einen Eid schwören und durch diesen Eid zwei meiner Mitmenschen in's Verderben, wohl gar zum Tode bringen, während sie, wenn sie in Freiheit weiter leben, ihre bösen Thaten bereuen und wieder gut machen können? Die beiden muthmaßlichen Diebe sind noch jung; der Eine ist ein schlechter Christ, der Andere ist ein schlechter Jude. Dieser letztere ist, wie ich höre, mit braver Leute Tochter aus Wunstorf bei Hannover verlobt. Ich bitte Sie. üben Sie Gnade und Milde und lassen Sie den Verbrechern Zeit, sich zu bessern." Erstaunt hörten die Richter die Rede des Juden; in jenen Zeiten kannte das Gericht keine Milde; schwerer Diebstahl wurde mit dem Tode bestraft, und die Richter waren stets froh, einem mit der Folter erpreßten Geständnisse die Hinrichtung folgen zu lassen. Aber die hochherzigen Worte Rabbi Bärmanns machten den größten Eindruck auf sie. Die Untersuchung wurde niedergeschlagen; die beiden Strolche wurden ihrer Haft entlassen, aber durch die bewaffnete Macht aus dem Braunschweig'schen Gebiete entfernt. 'Mit Bangen und Zagen hatte der ungetreue Johannn dem Ende der Untersuchung entgegengesehen. Wären seine Complicen auf die Folter gespannt worden,- so hätten sie sicherlich auch ihn verratheu. So war er unbehelligt der Gefahr entgangen. Die Verbrecher erfüllten die Hoffnung, die Rabbi Bärmann für sie ausgesprochen hatte, nicht. Nachdem sie noch eine Zeit lang ihre Verbrecher- Laufbahn fortgesetzt, wurden sie nebst zwanzig andern Dieben gefangen genommen. Diesmal fand sich kein Fürsprecher; sie wurden auf die Folter gespannt und bekannten nebst vielen andern Diebstählen und Einbrüchen auch den aus der Braunsckweig'schen Blesse an dem Königlichen Residenten Behrend Lehmann verübten begangen zu haben. Die ganze Bande wurde verurtheilt, durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht zu werden. Den unglücklichen Juden peinigte die hohe Behörde noch ganz besonders. Trotz seines heißen Wunsches wurde nicht gestattet, daß ein Glaubensgenosse ihn im Gefängnisse besuche; man wollte ihn mit Gewalt zum Christenthume bekehren, und als er sich dessen standhaft weigerte, nahm man die kleinlichste Rache. Am Tage nach der Execution wurde die Leiche vom Galgen abgeschnittcn, die Zunge herausgerissen und verbrannt; dann wurde die Leiche an den Füßen neben einem Hunde wieder aufgehängt. Der Stadthfarrer in Celle, wo die Hinrichtung stattegefunden, Herr Magister Sigismund Hosmann, schrieb ein Buch darüber, das er betitelte: „Das schwer zu bekehrende Judenherz." Aber auch der ungetreue Johann, der den Diebstahl in Braunschwcig ermöglicht hatte, sollte nicht unbestraft bleiben; doch davon später. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhanblung. I. E »t t 8 l e b e n's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).