Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1877)
- Date
- 1877-05-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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486 führt wurde. Die Mutter war in derselben Nacht zufällig erwacht und vermißte sofort das Mädchen. Die arme Frau veranlaßte mit möglichster Raschheit amtliche Recherchen nach dem Verbleib ihrer Tochter und hatte die Freude, kiese Bemühungen von Erfolg gekrönt zu sehen, denn das Mädchen wurde auf dem Bahnhose in Tarnow aufgefunden und der Mutter zurückgestellt. Bald darauf erschien jedoch ein Gensd'arm in der Wohnung der Frau, welcher das Mädchen — und wohlgemerkt, nur das Mädchen allein — ans das Kreisamt nach Neusandec (in dessen Sprengel Pwnicna gehört) beschied. Die angsterfüllte Mutter wollte das Mädchen , nicht allein fortlassen und begab sich also mit demselben nach Neusandec. Hier auf dem Kreisamte erfuhr die Frau, dcrß die 16jährige Sarah zurückbehalten und getauft werden solle. Die Bitten der Mutter, davon abzulassen, wurden — wie uns erzählt wird, von dem Kreisamts-Vorsteher selbst — in brüskester Form zurückgewiesen und unverrichteter Dinge mußte die arme Frau abziehen. Wieder zu Hause angelangt. erfuhr Wolf Stern mit tiefer Bctrübniß, was während seiner Abwesenheit in dem Kreise seiner Familie vorgesallen war. Er brachte in Erfahrung, daß seine Tochter Sarah in einem Nonnenkloster zu Krakau (in der Smolenskstaste) sich befinde. Er begab sich auf diese Nachricht hin in das betreffende Kloster, um seine Tochter zu reklamiren. Ec begehrte eine Unterredung mit dem Mädchen — es wird ihm aber kaum gestattet, dasselbe zu sehen. Er will mit dem Mädchen sprechen, und er wird von dem ihn geleitenden Geistlichen fast stürmisch zurückgehalten und den Blicken des Mädchens dann ganz entzogen. Seine weiteren Bemühungen blieben erfolglos und da er auch die Intervention der Krakauer Behörden vergebens angerufen hatte, sah sich der bedauernswerthe Mann nunmehr zu der R ise nach Wien veranlaßt, um hier das Recht zu finden, welches ihm in seinem Heimathlande versagt blieb. Wir zweifeln nicht, daß das Ministerium des Innern dringlichst sich über diese Asfaire Bericht erstatten lassen wird. Wien, 11. Mai. Gestern wurde in dem israel. Taubstummen'Institute auf der Landstraße die Jahresprüfung der Zöglinge vorgcnommen. Die pädagogischen Resultate, welche da vorgeführt wurden, sind wahrhaft überraschend. Die Zöglinge beider Geschlechter verstanden nicht nur — das Auge unverwandt auf die Lippen des Lehrers gerichtet — die ihnen in der Tonsprache ohne irgend welche erklärende Zeichen vorgelegten Fragen, sondern beantworteten diesen auch mit Sicherheit, Verständniß, Geläufigkeit und in einer laut tonenden, j allgemein verständlichen Sprache, die sich nur wenig von derjenigen anderer, normal gebildeter Kinder unterschied. Die Gegenstände der Prüfung umfaßten die Religion, biblische Geschichte. Physik und in den unteren Elasten auch Gegenstände des Anschauungsunterrichtes. In allen diesen Gebieten bewiesen die Zöglinge eine Kenntniß und Fertigkeit , wplche das zahlreich versammelte Auditorium von Menschenfreunden in Erstauen setzte. Unter den Letzteren bemerkte man den Polizei^ Präsidenten Marx. Hofrath Hermann, die Gräfin O'Sullivan, Dr. Kuranda, den Landesschulrath I>r. Kompert und zahlreiche andere Freunde der Jugendbildung. Das freundliche Haus des Taubstummen-Jnstiiutes, gegenüber dem Rudolphplatze. war anläßlich der Prüfung festlich geschmückt. Allgemein lobte man dessen Reinlichkeit und zweckmäßige Anlage. Das Institut zähl derzeit 169 Zöglinge und steht unter der Leitung des verdienstvollen Directors Deutsch. Linz. Am 10. Mai ist die hiesige neuerbaute Synagoge eingeweiht worden. Der Bau eines israel. Gotteshauses in Linz ist ein Markstein in der Geschichte des österreichischen Iudenthums. Es sind wenig mehr als zwei Decennien vergangen seit jener Zeit, wo der Jude nur gegen eine Gebühr von einem Gulden die Erlaubniß erkaufen konnte, sich 24 Stunden in Linz aufhalten zu dürfen, wo die Leiche eines Israeliten in Oberösterreich kein Fleckchen Erde für eine Grabstätte fand, und vor wenig Jahren noch bedurfte es eines besonderen kaiserlichen Gnadenactes und großerOpfer, um in Linz einen jüdischen Friedhof zu errichten. In den letzten Jahren hat sich allmählich eine kleine Gemeinde hier angestedelt, welche nun auf über hundert Familien angewachsen ist. Rumänien. Bukarest. Die Juden, die hier allerdings keine Partei bilden, weil sie keine politischen Rechte genießen, wollen jetzt ihre rumänisch - patriotische Gesinnung manifestiren. Es wird darüber der „Presse" geschrieben: Der jüdische Verein >,8o6i6tat6 ronaanisanea", welcher cs sich zur Aufgabe macht, die Juden zu veranlassen, der rumänischen Sprache sich in Schrift und Wort zu bedienen, die Kinder in dieser Sprache zu unterrichten und den specifisch polnisch-jüdischen Jargon zu unterdrücken, hat schon in der vorigen Woche unter seinen Mitgliedern den Impuls hiezu gegeben, und der Verein „Zion", der sich die Hebung des Judenthums und die Erkämpsung einer geachteten Stellung der Juden in Rumänien zur Aufgabe setzt, hat gleichfalls seinen