Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-05-23 · Heft 21 (23.5.1877) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 21 (23.5.1877)
Date
1877-05-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447717--13729-2469609
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

483 sammtzahl der fremden Staatsangehörigen, mit Einschluß der von den Consulaten in Schutz genommenen Levantiner, beträgt mehr als 5000, von denen gegen 3000 unter dem' österreichischen Schutze stehen. Etwa ein Dutzend Sprachen werden in Jerusalem gesprochen; der arabischen, als der Landessprache, bedient sich die aanze eingeborene Bevölkerung. Türkisch ist die Sprache der Beamten und des Militärs. Griechisch wird in den Klöstern der Griechen, Armenisch häufig von den gebildetn Armeniern gesprochen, dem Volke aber ist das Arabische geläufiger. Von den abendländischen Sprachen ist die deutsche am meisten verbreitet. Außer den dort lebenden Deutschen sprechen alle ansässigen europäischen Juden diese Sprache mit mehr oder weniger Correctbeit. Italienisch ist in Jerusalem, wie überall im Orient, unter den Franken verschiedener Nationalität die gewöhnliche Umgangssprache und wird auch von manchen Eingebörnen erlernt. Französisch sprechen die Franken weniger häufig, hauptsächlich bei ihrer Eonversation mit den höhern türkischen Beamten. Spanisch ist die Sprache der meisten orientalischen Juden. Englisch wird von den englischen Missionären gesprochen. Russisch hört man häufig auf den Straßen und in den russischen Klöstern.' Die hebräische Sprache, welche sonst nirgends in der Welt gesprochen wird, ist in Jerusalem als Conversationssprache im Gebrauche; sie dient häufig zur Vermittlung des Veikehrs zwischen den europäischen Juden und den orientalischen Glaubensgenossen. Bei meiner Behandlung jüdischer Pilger aus Persien oder Indien, die keine einzige von den ebengenannten Sprachen verstanden, war ich ebenfalls genöthigt, mich der hebräischen Sprache zu bedienen. Der Handel ist in Jerusalem unbedeutend und kann bei der Lage der Stadt und den gegenwärtigen Verhältnissen des Landes nicht anfblühen. Jerusalem liegt in der Mitte des Gebirges, fern von allen gro'ßen Verkehrsstraßen — die Handelsstraße zwischen Kairo und Damaskus zieht durch Ramleh etwa acht Stunden neben Jerusalem vorbei — und ist im Osten durch den nur einige Stunden entfernten, fast brückenlosen Jordan und das todte Meer, im Süden durch Einöden und im Norden durch beschwerliche Fußpfade von einem großen Theile der übrigen Welt beinahe getrennt, wodurch jeder geschäftliche Verkehr gehemmt wird. Ebenso sind die allgemeinen Verhältnisse des Landes dem Handel nicht vortheilhaft und hindern ihn sogar oft im hohen Grade. Hierbei verdienen besonders Erwähnung das primitive Leben der Landesbewohner und ihre äußerste Genügsamkeit, wodurch der Waarenconsum und somit der Handel auf ein Minimum reducirt wird; ferner die immer noch gefährdete Sicherheit der Reisenden auf dem Lande, der Mangel an Fahrstraßen und die Unzulänglichkeit der jetzigen Verkehrsmittel. Umstände, welche das Reisen'sowie den Waarentransport und dami^ auch den Handel bedeutend erschweren und oft ganz hemmen. Die Einfuhrartikel. welche auf dem Markte von Jerusalem Absatz finden, kommen theils aus der Umgegend bis über den Jordan und das todte Meer, von wo die Beduinen selbst ihre Products zu Markte bringen, theils aus Aegypten, der Türkei, theils auch aus Europa. Die Ausfuhrartikel bestehen fast nur aus verschiedenen Souvenirs, Rosenkränzen u. dergl., was man hier aus Olivenholz oder aus der von Mekka gebrachten Frucht der Dompalme schnitzt, auch aus Perlmutter, zuweilen aus dem glänzenden schweren Stein, der am todten Meere gefunden wird, verfertigt. Die sogenannte Rose von Jericho, eine aus Arabien hergebrachte Pflanze, wird ebenfalls viel abgesetzt. Der Handel mit diesen Erinnerungsgegenständen ist bedeutend. Dieselben werden von fast allen Pilgern gekauft und auch nach Europa versendet. Selbst Mohamedaner treiben mit den Rosenkränzen Handel. Das Zuströmen der Fremden zu Ostern verleiht dem Innern der Stadt die Physiognomie eines großen Jahrmarktes, woselbst der Handel mit immer steigender Lebhaftigkeit vor sich geht. Zu dieser Zeit "kommen auch Kaufleute mit verschiedenen Waaren von Alexandrien. Damaskus und andern Orten herbei, und in der Stadt begegnet man überall der größten Geschäftigkeit und Rührigkeit, die auffallend mit der sonst hier herrschenden Stille contrastirt. Von Fabriken hat Jerusalem neun bis zehn Seifensiedereien, von denen jede jährlich für etwa eine halbe Million Piaster Waaren liefert. Die Seife, von der zur Osterzeit große Quantitäten verkauft werden, hat gewöhnlich die Form einer Scheibe oder Halbkugel, und zumeist ist der Halbmond , der Oelberg, das Grav Rahels auf den Flächen abgebildet; die feinere wird mit Moschus und Ambra vermischt. Oel von Sesam wird in beträchtlicher Menge erzeugt; mit der Bereitung desselben sind fünfzehn Pressen beständig beschäftigt. Auch eine große Gerberei ist vorhanden. Töpferwaaren, namentlich Tonpfeifen ohne Glasur, werden in sehr großer Quantität fabricirt. Alle diese Anstalten sind in den Händen der Moslemin. Die Gewerbe werden in Jerusalem frei betrieben. Jeder Fremde kann ein beliebiges Gewerbe ergreifen, ohne einer Concession von Seiten der Regierung zu bedürfen und auch ohne Brodneid bei den Moslemin zu erregen. Die Hand-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.